Katholische Morgenfeier Stellen Sie sich ein Ehepaar vor, die beiden haben zwei Kinder, zwei Buben. Die Beziehung des Paares ist so durchschnittlich, wie wir heute sagen. Die beiden Buben sind Zwillinge. Als die Mutter mit ihnen schwanger ist, hat sie schon das Gefühl, dass die beiden in ihrem Bauch miteinander streiten. Und so bleibt es dann auch nach der Geburt. Die beiden Buben werden zu Konkurrenten. Der ältere Bub wird der Liebling des Vaters, der jüngere der Liebling der Mutter. Weil die Mutter ehrgeizig ist, versucht sie, die Position des Jüngeren zu stärken, damit er einmal das Erbe bekommt Sie überlegt sich eine List, mit der sie ihren Mann und den älteren Sohn austricksen kann. Die beiden lassen sich übertölpeln und der Lieblingssohn der Mutter wird zum Haupterben. Aber – als der ältere Sohn bemerkt, dass man ihn betrogen hat, wird er so wütend, dass er seinen jüngeren Bruder umbringen will. Aber der macht sich, so schnell ihn die Füße tragen können, davon. Er findet eine neue Heimat bei einem entfernten Verwandten, verliebt sich dort, gründet eine Familie und wird ein erfolgreiches Familienoberhaupt mit vielen Kindern. Sie können die Geschichte dieses Mannes und seiner Familie in der Bibel, im Buch Genesis nachlesen. Es ist die Lebensgeschichte des Jakob. Jakob kann sich nicht beklagen, er erreicht viel, er kann auf viele Kinder und einen großen Besitz blicken. Aber irgendwann bekommt er das Gefühl, dass er noch einmal zurück muss in seine Heimat und sich mit seinem Bruder versöhnen muss. Er fühlt sich nicht wohl, solange die Ereignisse zuhause so ungeklärt bleiben. Also nimmt er seine ganze Familie mit sich und zieht in das Land seiner Eltern zurück. Schweren Herzens tut er das, denn er weiß nicht, was passieren wird. Sein Bruder wollte ihn töten, und sein Vater hat ihm vielleicht auch nicht verziehen. Es ist also sehr riskant zurückzukehren. Und als Jakob mit seiner Familie an einen großen Fluss kommt, spürt er, wie die Angst aufsteigt vor dem, was da auf ihn zukommt. Dabei erlebt Jakob etwas Seltsames: Mitten in der Nacht stand Jakob auf und brachte seine Familie über den Fluss. Nur er allein blieb zurück. Da trat ein Mann ihm entgegen und kämpfte mit ihm bis zum Morgengrauen. Er sagte zu Jakob: „Lass mich los, es wird schon Tag!“ Aber Jakob erwiderte: „Ich lasse dich erst los, wenn du mich gesegnet hast.“ „Wie heißt du?“ , fragte der andere, und als Jakob seinen Namen nannte, sagte er: „Du sollst von nun an nicht mehr Jakob heißen. Du hast mit Gott und den Menschen gekämpft und hast gesiegt; darum wird man dich Israel nennen.“ Jakob bat ihn: Sag mir doch deinen Namen.“ Aber er sagte nur: „Warum fragst du?“ Und er segnete ihn. Jakob rief: „Ich habe Gott selbst gesehen und lebe noch“. Wir stehen heute auch an einer Schwelle in eine neue Zeit, in ein neues Jahr. Und wie Jakob schauen wir noch vorne und zurück. Und vielleicht spüren Sie auch, dass der Blick nach vorn so manche Ängste aufsteigen lässt. In der Jakobserzählung ist der breite Fluss das Bild für eine Übergangssituation, eine Schwelle. Und an dieser Schwelle taucht in der Erzählung eine dunkle Gestalt auf, die mit Jakob ringt. Die Menschen hatten damals die Vorstellung, dass es in Flüssen Ungeheuer gibt, die auf die Menschen lauern. Kein Wunder also, dass da Angst aufsteigt. Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wird, wenn ich die Schwelle überschreite. Deshalb kann die Angst zu einer dunklen, dämonischen Macht werden, die sich mir in den Weg stellt. Und da geht der Blick auch zurück, so vieles habe ich in der letzten Zeit erlebt, was noch nicht abgeschlossen ist. Meine Jahresbilanz weist vielleicht so manches Erlebnis aus, das ich noch nicht verdaut habe. Das kann ein Ärger im Beruf sein, oder die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Das können auch Auseinandersetzungen in einer Beziehung oder Sorgen mit den Kindern sein. Was mache ich damit? Da können noch Gefühle der Wut und der Enttäuschung in mir sein. Und ich muss mich jetzt fragen: nehme ich diese unerledigten Dinge des alten Jahres mit hinein in das neue Jahr? In der Erzählung von Jakob, der mit seiner Angst ringt, geschieht etwas Merkwürdiges. Es wird erzählt, dass Jakob es ist, der die dunkle Gestalt festhält. Er könnte sie ja einfach loslassen, aber er sagt: ich lasse dich nicht los, bis du mich segnest. Jakob will eine Bestätigung, er lässt die Angst und die alten, unerledigten Sachen seiner Vergangenheit nicht los, bis er Kraft spürt, bis er sich bestätigt fühlt. Er will spüren können, dass es gut weiter geht und dass er selbst auch gut ist, auch wenn er viele Fehler schon in seinem Leben gemacht hat. In der christlichen Kunst wurde diese Szene immer wieder so dargestellt, dass diese dunkle Gestalt eigentlich ein Engel ist. Der Maler Raphael hat es intensiv gemalt, wie Jakob den Engel festhält. In dieser Deutung ist es also Gott, der sich Jakob in den Weg stellt. Es bedeutet, dass wir eigentlich mit Gott ringen, wenn wir an einer Zeitenschwelle stehen. Ich ringe damit, ob es in dem ganzen Durcheinander meines Lebens jemanden geben kann, der mir sagt: du bist gut. Geh deinen Weg weiter, hab keine Angst. Und solange ich nicht in mir vertrauen kann, dass es diese Kraft gibt, solange ringe ich mit mir und meinen Fragen. Ich halte so vieles fest, indem ich sage: hätte es nicht anders kommen können, warum ist mein Leben so anstrengend, bin ich an allem selber schuld? Und solange all diese Fragen in meinem Kopf und in meinem Herzen herumkreisen, bin ich mit dem Ringen noch nicht am Ende. Und die Geschichte sagt, dass dieses Ringen auch lange dauern kann, Jakob ringt die ganze Nacht. Ich darf also nicht loslassen, ich muss mit Gott ringen, ich muss ihm seinen Segen abringen, denn wenn ich ihn festhalte, bin ich auch mit ihm in Kontakt. Jakob wird am Ende der Nacht sagen: ich habe Gott selbst gesehen und ich lebe noch. Wenn ich also meinen Ängsten begegne, wenn ich darum ringe, ob mein Leben gut ist, dann ist dieses Ringen eine Begegnung mit Gott, der sich mir in meiner Angst in den Weg stellt. Ich muss mit ihm ringen, um den Segen zu spüren. Aber die unerledigten Dinge meines Lebens, die muss ich loslassen. Die Geschichte stellt also alles auf den Kopf: die vielen ängstlichen Gedanken, die Sorgen um mein Leben, die gilt es loszulassen. Und gleichzeitig mich an Gott festzuhalten, um von ihm die Kraft zu bekommen, um weiterzuleben. Wenn ich mir vorstelle, dass meine Zeit und alles, was darin geschieht, in Gottes Händen liegen, dann kann mich das freier und gelöster machen. Und vielleicht ringt Gott so lange mit mir, bis ich mich in seine Hände fallen lasse, wie ein Hilfe suchendes Kind in die Arme eines Beschützers. Eine alte chinesische Geschichte erzählt von einem Bauern in einer Dorfgemeinde. Man hielt ihn für gut gestellt, denn er besaß ein Pferd, mit dem er pflügte und Lasten beförderte. Eines Tages lief sein Pferd davon. Als seine Nachbarn riefen, wie schrecklich das sei, meinte der Bauer nur: „vielleicht“. Ein paar Tage später kehrte das Pferd zurück und brachte zwei Wildpferde mit. Die Nachbarn sagten: „Was für ein Glück!“ Der Bauer aber sagte nur „Vielleicht“. Am nächsten Tag versuchte der Sohn des Bauern, eines der Wildpferde zu reiten; das Pferd warf ihn ab und er brach sich das Bein. Die Nachbarn überbrachten dem Bauern ihr Mitgefühl: „Was für ein Unglück“, sagten sie. Der Bauer aber sagte nur „Vielleicht“. In der nächsten Woche kamen Rekrutierungsoffiziere ins Dorf, um die jungen Männer zur Armee zu holen. Den Sohn des Bauern wollten sie nicht, weil sein Bein gebrochen war. Als die Nachbarn ihm sagten, was für ein Glück er hatte, antwortete der Bauer: „Vielleicht“. Er ist schon ein kluger Mensch, dieser einfache Bauer. Er weiß, dass man sich nicht so schnell festlegen soll, wann etwas gut oder schlecht im Leben ist. Wir wissen nicht, was uns die Zukunft bringt. Und je mehr wir uns festlegen, umso schwerer fällt hinterher das Loslassen. Und vielleicht müssen deshalb immer wieder mit unserem Schicksal hadern und ringen, weil unsere Pläne oft nicht aufgehen und wir merken, wie hilflos und begrenzt wir sind. Und weil es so schwer ist zu sagen: ich nehme es so, wie es kommt und vertraue darauf, dass es gut wird. Liebe Hörerinnen und Hörer, ich wünsche Ihnen an der Schwelle zum neuen Jahr, dass Sie all das ablegen können, was zum Balast geworden ist. Dass Sie das, was schief gegangen ist im vergangenen Jahr und was unvollendet bleibt, Gott hinhalten können. Ich wünsche Ihnen die Kraft des Jakob, sich an Gott fest zu halten, bis Sie vertrauen können, dass er Sie festhält und segnet und Ihre Wege in die Zukunft mitgeht. Und dass Sie wie Jakob überrascht sind, dass es gut weitergeht, auch wenn Sie es nicht glauben konnten.
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