Kath. Morgenfeier im Bayerischen Rundfunk 11.02.2007

St. Severin Garching

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Pastoralreferent Dietmar Rebmann
arbeitet auch für den Bayerischen Rundfunk
und gestaltet Katholische Morgenfeiern.

Im Bild:
Dietmar Rebmann, St. Severin Garching
(beim Neujahrsempfang in St. Severin 2007)

Katholische Morgenfeier 11.02.2007
Eine biblische Gesundheitsreform
Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Arzt und brauchen eine Behandlung. Ihr Arzt hört sich Ihre Beschwerden an, schaut Sie dann eine Weile an  und sagt schließlich: Tut mir leid, ich würde Ihnen gerne helfen, aber mein Budget ist für diesen Monat überschritten, ich kann im Moment nichts für Sie tun.
Oder Sie rufen Ihre Krankenkasse an, weil sie ein teueres Medikament brauchen. Ein Sachbearbeiter sagt mit Bedauern: tut uns leid, aber wir können Ihnen dieses Medikament nicht bezahlen, da müssen sie wohl selber alles zahlen.
Es könnte sein, dass wir so etwas in Zukunft oft erleben müssen, denn Gesundheit, oder besser gesagt: die Behandlung einer Krankheit ist teuer geworden.
Wir haben es zwar besser als die Menschen früherer Zeiten. Da sind viele schon an einfachen Infektionskrankheiten gestorben. Heute können wir auch sehr komplizierte Erkrankungen behandeln, aber das kostet oft viel Geld. Und das ganze Gesundheitssystem, so bekommen wir jeden Tag zu hören, ist kompliziert. Da geht es nicht nur um das Wohl der Patienten, da geht es auch ums Geschäft. Die politisch Verantwortlichen versuchen mit immer neuen Reformen und Gesetzen einzugreifen. Aber auch das neueste Reformwerk, das letzte Woche im Bundestag beschlossen wurde, ist für viele Experten noch nicht der Weisheit letzter Schluss. 

Ich kann natürlich selber dafür sorgen, dass ich gar nicht in die Mühlen des Gesundheitssystems gerate: ich kann mich gesund ernähren, mich viel bewegen oder alternative Heilmethoden ausprobieren. Vorsorge wir also immer wichtiger.
Aber da den Überblick zu bekommen, welche Ernährungsmethoden und welche Gesundheitskonzepte genau für mich die richtigen sind, ist auch nicht so einfach. Allmählich wird ja auch das gesunde Leben zu einer Frage des Geldbeutels, denn es gibt auch hier nichts umsonst.
Vorsorge heißt aber auch nicht nur: die richtige Gesundheitsstrategie zu finden.  Ich kann mich auch selber mit der Krankheit auseinandersetzen.
Wir sind es gewohnt, den Arzt zu fragen: Herr Doktor, was habe ich denn, warum geht´s mir nicht gut, warum bin ich krank? Aber der Arzt sieht ja nur den organischen Teil der Krankheit, er sieht nicht in mich hinein. Er kann nicht meine Lebensgewohnheiten von Monaten und Jahren nachvollziehen. Er kann das, was sich in meiner Gefühlswelt abspielt nicht einfach auf dem Ultraschallgerät sehen.

Der erste Experte für das, was mich krank macht, ist also nicht der Arzt, das bin ich selber. Ich kann mich also vorbeugend selber mit der Frage beschäftigen: was macht mich denn eigentlich krank?
In unserer alltäglichen Sprache haben wir viele Ausdrücke, die greifbar machen, was sich in uns Menschen abspielt:
Da bohren Fragen in meinem Kopf. Ich habe mal wieder etwas in mich hineingefressen und jetzt nagt das in mir weiter. Oder es hat mich etwas im Griff, es hat sich etwas festgesetzt und das zerreißt mich innerlich.
Und weil ich so viel um die Ohren habe, hab ich jetzt die Nase voll. 
Manchmal bleibt mir die Luft weg, so dass es mir die Stimme verschlägt.
Und dann liegt mir schon lange was im Magen und geht mir allmählich an die Nieren.
Wenn ich doch nur nicht so verbissen wäre, dann hätte ich auch nicht so viel Stress. 
Eigentlich wissen wir ja, dass viele Krankheiten erst entstehen, wenn wir das, was in uns arbeitet, nicht heraus lassen können und wir keine innere Ruhe finden.
Das Wort Stress heißt ja Spannung und meint eigentlich etwas Natürliches. Eine innere Spannung und Konzentration haben wir immer. Aber die Spannung ist in unserem modernen Leben so groß geworden, dass der Stress krank macht.  
Aber es gibt nicht den Stress an sich, der fliegt nicht durch die Luft wie ein Virus, den kann man nicht sehen. Es gibt nur gestresste Menschen. Und ich entscheide und wirke mit in meinem Inneren, ob das, was mich im Leben herausfordert, auch krank macht. Wenn die Seele gekränkt und das Herz belastet ist, dann ist der ganze Mensch krank. 

Ich kann also die Frage, die ich dem Arzt stelle: Herr Doktor, was hab ich denn? an mich selber richten und mich jeden Tag fragen:  ja, was hab ich denn in mir, was kränkt mich, was liegt mir auf der Seele und was sucht mein Herz? Was brauche ich, um mich gut zu fühlen?
Stellen Sie sich vor, sie gehen zum Arzt und der sagt: ich gebe ihnen einen guten Rat: gehen sie nach Hause und beten sie!
Im ersten Moment wären sie vielleicht verwirrt oder verärgert und würden vielleicht einen anderen Arzt aufsuchen.
Beten ist doch etwas für Situationen, wenn gar nichts anderes hilft.
Aber die Mönche in den Klöstern, deren alternative Pflanzenheilkunde gerade wieder entdeckt und wissenschaftlich erforscht wird, die haben auch noch eine besondere Form der Vorsorge. Sie beten mehrmals am Tag die Gebete der Psalmen im Alten Testament.
Denn in den Psalmen gibt es für alles, was mir auf der Seele liegt und was mein Herz kränkt, ein Gebet.
Die Psalmen bringen das zur Sprache, was mich innerlich krank macht. Sie benennen die wunden Punkte in mir und das, was mir die Kraft zum Leben nimmt.
Die Psalmen sind Augenöffner für das, was krank macht. Und ich darf vor Gott die Gefühlsbazillen und seelischen Killerviren, die mich befallen haben, aus mir herausschreien. 

Es gibt immer wieder Lebenssituationen, die einen solchen Schrei zu Gott nahe legen:
Sie ist 37 Jahr alt und das jüngste von drei Kindern. In der Schule war sie nicht besonders gut, das Lernen ist ihr schwer gefallen. Sie brauchte mehrere Anläufe bis sie eine Berufsausbildung auf die Reihe brachte. Von ihrer Familie kam wenig Unterstützung. Ihre Eltern betrachteten sie als Versagerin. Die älteren Geschwister sind beruflich erfolgreich und werden ihr auch heute noch als Vorbilder immer vor Augen gestellt. Dann hatte sie einen Partner gefunden. Mit ihm zusammen hat sie zwei Kinder. Aber ihre Beziehung ist zerbrochen und jetzt ist sie mit den Kindern alleine und muss zusehen, wie sie ihren Alltag meistert. Am liebsten würde sie weit weglaufen. Sie braucht viel Kraft für die Kinder und dann ist sie in der Arbeit nur halbherzig bei der Sache. Das gibt immer wieder Ärger mit dem Chef. Sie frisst ihren Ärger und ihre Enttäuschung in sich hinein. Manchmal möchte sie morgens gar nicht aufstehen. Wozu lebe ich eigentlich, fragt sie sich jeden Tag.

Wenn ich viele Enttäuschungen erlebe, dann bin ich in der Gefahr, mich innerlich zu verkriechen. Alle Gefühle werden eingesperrt und ich funktioniere nur noch äußerlich.  Ich bräuchte jemanden, der mir zuhört, jemanden, an den ich mich wenden kann. Damit der seelische Killervirus wieder aus mir heraus kann, damit ich wieder das Schöne und Gute in meinem Leben sehen kann. Ich komme vielleicht gar nicht auf die Idee mich an Gott zu wenden, weil ich denke: der will auch nichts von mir wissen.

Der Psalm 142 kann mir helfen, das vor Gott auszudrücken:

Ich schreie zum Herrn, so laut ich kann,
ich bitte den Herrn um Hilfe.
Ihm klage ich meine Not,
ihm sage ich, was mich quält.
Auch wenn ich selber allen Mut verliere,
du, Herr, weißt, wie´s mit mir weitergeht.
Auf dem Weg, den ich gehen muss,
hat man mir Schlingen gelegt.
Ich schaue mich um:
Da ist keiner, der mich beachtet.
Ich habe keine Zuflucht mehr,
keinen Menschen, der sich um mich kümmert.
Zu dir, Herr, schreie ich!
Ich sage: du bist meine Zuflucht,
du gibst mir alles, was ich im Leben brauche.
Höre mein Schreien, ich bin völlig am Ende.
Rette mich vor meinen Verfolgern,
sie sind zu stark für mich.
Befreie mich aus dem Gefängnis!
Im Kreise derer, die dir die Treue halten,
werde ich dir dafür danken, Herr,
dass du so gut zu mir gewesen bist.

Die Feinde und Verfolger, von denen in den Psalmen oft die Rede ist, sind nicht unbedingt äußere Gegner. Es sind die lebensfeindlichen Vorgänge in meiner Seele. Die Stress-Viren, die sagen streng dich an, sei erfolgreich, du darfst kein Verlierer sein. Oder die Killerviren, die sagen: du bist nicht gut genug, du schaffst es eh nicht, du bist eine Versagerin. 
Das Gespräch mit Gott ist ein ganz intimes: hier werden Dinge ausgesprochen, die ich sonst vielleicht niemandem sage.
Mit den Psalmgebeten darf ich all das aussprechen, was mich am Leben hindert. Es muss nicht mehr in mir nagen und mich krank machen.
Natürlich bekomme ich von Gott keine direkte Antwort. Aber vielleicht beginnt die Heilung in dem Augenblick, in dem ich mich an Gott wende. Denn mit dem Aussprechen meiner Not, merke ich erst, was so alles in mir herumschwirrt an lebensfeindlichen Gedanken und Gefühlen. 
Ich darf zu mir selber stehen, gerade dann, wenn ich schwach bin und Gott sagen: ich schaffe es nicht allein. Diese Erkenntnis ist schon der Anfang der Heilung.  

Die Gesundheitsvorsorge mit Hilfe der Psalmen geschieht in zwei Richtungen. Viele Psalmen sprechen von der Not der Menschen, die ganz am Boden liegen, die keine Kraft mehr zum Aufstehen haben, die sich von ihren Mitmenschen bedrängt oder verlassen fühlen. Für sie sind all die Bilder gedacht, in denen es heißt: wenn mich auch alle verlassen, du Gott bist bei mir. Du ziehst mich heraus aus der Tiefe und zeigst mir einen neuen Weg ins Leben. Bei dir bin ich gut aufgehoben, geborgen und sicher wie in einer festen Burg. Bei dir finde ich Ruhe für meine Seele.
Die andere Blickrichtung der Psalmen geht zu den Menschen, die sich stolz nur auf sich selbst verlassen, die nicht mit Gott rechnen.
Ihnen wird deutlich gemacht, dass sie wieder auf das menschliche Maß zurückfahren müssen.
Wenn ich übermütig werde und arrogant so tue, als könnte ich alles aus eigener Kraft, werde ich umso tiefer fallen, wenn etwas schief geht oder mich ein Schicksalsschlag trifft. Wenn ich mich so richtig reinhänge und nur noch an Erfolg und Karriere denke. Wenn ich ein Macher-Typ bin und über Leichen gehe. 
Dann sagen mir die Psalmen: Vorsicht, nicht du hältst dein Leben in der Hand, sondern dein Leben hängt von einem Größeren ab.
Du bist nur ein Mensch, du hast Grenzen und machst Fehler. Dein Leben ist kurz. Du kannst nicht das Paradies oder das Schlaraffenland schaffen. Und am Ende wirst du alles wieder verlieren. Nimm diese Grenzen an und steh zu deiner Unvollkommenheit. Mach dich nicht größer als du bist, sonst wirst du krank. 

Der Psalm 32 bringt dies vor Gott:
Freuen dürfen sich alle, denen Gott ihr Unrecht vergeben
und ihre Verfehlungen zugedeckt hat.
Herr, erst wollte ich meine Schuld verschweigen,
doch davon wurde ich so krank,
dass ich von früh bis spät nur stöhnen konnte.
Darum entschloss ich mich,
dir meine Verfehlungen zu bekennen.
Der Herr hat mir geantwortet:
„Ich sage dir, was du tun sollst,
und zeige dir den richtigen Weg.
Ich lasse dich nicht aus den Augen.
Sei doch nicht unverständig wie ein Maultier,
das man mit Zaum und Zügel lenken muss.
Dann wird dir nichts geschehen.“
Wer Gottes Gebote missachtet,
der schafft sich viel Kummer.
Wer aber dem Herrn vertraut,
der wird seine Güte erfahren.

Im biblischen Denken, gibt es einen Virus, der die Menschen von Anfang an bereits im Paradies infiziert hat: sie wollten sein wie Gott. Die Menschen wollten in einen Wettbewerb mit Gott eintreten, und deshalb neigen wir auch heute dazu, uns zu überschätzen.

Und das, was wir im wirtschaftlichen globalen Wettbewerb ausleben, ist vielleicht dieser Virus in uns, der sagt: kämpfe und besiege die anderen, sei mächtig, dann entscheidest du wie´s läuft auf der Welt, mach dich so groß, dass alle anderen kleiner sind als du, dann kann dir keiner was wollen. Mit diesem Kampfvirus in uns verheben wir uns immer wieder und sind in der Gefahr unsere Welt zu zerstören. Wenn die Umwelt krank ist, dann ist das auch eine Folge unserer seelischen Krankheit. Wenn wir auf uns selbst keine Rücksicht nehmen, tun wir das auch nicht mit anderen Menschen und mit der Natur.

Die biblische Gesundheitsvorsorge wird es nicht in ein Reformgesetz des Bundestages schaffen. Sie kann nicht in Gesetze gegossen werden.
Denn Gott schreibt mir nichts vor, er lässt mir die Freiheit, mich zu entscheiden und mein Leben zu gestalten.

Aber er sieht auch, wo ich auf einem Weg bin, der mich krank macht. Und dann darf ich mich an ihn wenden, ohne Praxisgebühr und ohne Wartezeiten. Und wenn ich meine Not vor Gott trage, komme ich wieder in ein inneres Gleichgewicht, ich merke, was nicht stimmt und kann neu anfangen. Das gilt für den einzelnen Menschen und für die Menschheit insgesamt.

Deshalb ist in den Psalmen das Danken sehr wichtig. Denn wenn ich Gott danken kann, dann sehe ich schon einen neuen Weg vor mir. Dann habe ich die alten Ängste und inneren Verkrampfungen losgelassen und bin frei für einen neuen Anfang. Wenn ich dankbar sein kann, dann gebe ich auch zu, dass alles, was ich erreiche, ein Geschenk ist.

Mit dem Psalm 138 kann ich sprechen: 

Ich danke dir von ganzen Herzen,
mit meinem Lied will ich dich preisen.
Du hast mich erhört, als ich zu dir schrie,
du ermutigst mich zu den kühnsten Wünschen.
Gewaltig ist die Macht des Herrn.
Er thront dort in höchster Höhe,
und trotzdem sieht er die Niedrigen
und kümmert sich um sie.
Wenn ich mitten durch Gefahren gehen muss,
erhältst du mich am Leben.
Du nimmst mich in Schutz,
deine mächtige Hand wird mir helfen.
Herr, du wirst alles für mich tun,
deine Liebe hört niemals auf.
Vollende, was du angefangen hast.
Vater unser 

So segne uns und erhalte uns gesund an Leib und Seele der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

 Empfehlenswerte Psalmübersetzungen:

  • Die Gute Nachricht. Altes und Neues Testament in heutigem Deutsch
  • Münsterschwarzacher Psalter, Vier-Türme-Verlag

Münsterschwarzach 2003

  • Martin Buber, Das Buch der Preisungen

 Empfehlenswerte Gebetbücher: 

  • Petra Focke, Gott und die Welt. Gebete und Impulse für junge Menschen in allen Lebenslagen, Sadifa media 2004
  • Du bist der Atem meines Lebens. Das Frauengebetbuch. Klens-Verlag 2006

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