Kath. Morgenfeier im Bayerischen Rundfunk 01.07.2007

St. Severin Garching

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Pastoralreferent Dietmar Rebmann
arbeitet auch für den Bayerischen Rundfunk
und gestaltet Katholische Morgenfeiern.

Im Bild:
Dietmar Rebmann, St. Severin Garching
(beim Neujahrsempfang in St. Severin 2007)

Katholische Morgenfeier 01.07.2007
Lk 9, 51-62

"Das Leben kennen lernen"
Ein junger Mann machte sich auf den Weg, um das Leben kennen zu lernen. Unterwegs traf er eines Tages einen alten Mann. Der Junge hoffte, dass ihm der Alte etwas über das Leben erzählen könnte.
Der alte Mann trug auf seinem Rücken einen großen, zugedeckten, geflochtenen Korb, der sehr schwer zu sein schien. Eines Tages machten sie Rast an einem Bach. Der alte Mann stellte erschöpft seinen Korb auf den Boden. Er schien so schwer zu sein, dass auch ein stärkerer Mann ihn kaum hätte tragen können.
„Weshalb ist denn dein Korb so schwer?“ fragte der Junge den Alten. „Ich würde ihn gerne für dich tragen“.
„Nein“, antwortete der alte Mann, „den muss ich ganz alleine tragen.“
Noch viele Tage und Wege gingen die beiden zusammen. So sehr der Junge sich auch bemühte, er konnte nicht herausfinden, was für ein schwerer Schatz sich wohl in dem Korb befand.
Erst als der Alte nicht mehr weitergehen konnte und sich völlig erschöpft niederließ, erzählte er dem jungen Mann sein Geheimnis.
„In diesem Korb“, sagte er, „sind all die Dinge, die ich von mir selbst glaubte und die nicht stimmten. Auf meinem Rücken habe ich die Last jedes Kieselsteines des Zweifels, jedes Sandkorns der Unsicherheit und jedes Mühlsteines des Irrweges getragen, die ich im Laufe meines Lebens gesammelt habe. Ohne sie hätte ich die Träume verwirklichen können, die ich mir so oft in Gedanken ausgemalt habe.
Der junge Mann dachte bei sich: „Das soll mir nicht passieren. Ich habe jetzt verstanden, eine gute Zukunft ist das wichtigste im Leben.“
Es wäre doch schön, liebe Hörerinnen und Hörer, wenn ich im Leben all das verwirklichen könnte, was ich mir erträume. Aber wenn ich im Leben zurückschaue, geht es mir immer auch ein wenig, wie dem alten Mann in der Geschichte: ich merke, wie ich an mir zweifle und wie mich das lähmt. Ich sehe die Situationen vor mir, in denen ich nicht wusste, wie ich mich entscheiden soll. Und ich kenne die falschen Wege, die ich eingeschlagen habe, und die mich viel Kraft gekostet haben. Wenn ich zurück blicke bleibe ich gerade an diesen unangenehmen Seiten meines Lebens hängen.
Ich denke daran, mit wie viel Ehrgeiz ich immer wieder an meiner Zukunft gearbeitet habe und wie verbissen ich meine Ziele verfolge.
Und all das immer auf der Suche nach dem Glück.

Nun muss man das alles nicht als Last mit sich herumschleppen. Man könnte dem alten Mann sagen: wirf doch den ganzen Müll aus deinem Leben, den du da herum trägst, einfach weg. Aber das scheint nicht so einfach zu sein.
Der Schmerz über das, was man nicht erreicht, kann groß sein. Der junge Mann in der Geschichte beschließt für sich, an seiner Zukunft zu arbeiten. Aber auch das kann eine Falle sein. Das enttäuschte Hängen bleiben an der Vergangenheit kann genauso eine Last werden wie das verbissene Arbeiten an der Zukunft. Und es stellt sich die Frage: wie kann ich das verhindern? Wie kann ich in der Gegenwart leben und glücklich sein?

Er hat es schon bis zum Abteilungsleiter gebracht. Mit seinen Ideen hat er in letzter Zeit sehr zum Erfolg des Unternehmens beigetragen. Der Chef hat ihm neulich angekündigt, dass eine Stelle im höheren Management neu zu besetzen ist und er einer der Kandidaten ist.
So steht er jetzt jeden Tag unter Strom, er arbeitet bis tief in die Nacht, und treibt seine Mitarbeiter an, damit ja keine Fehler mehr passieren. Er will diese Stelle haben. Aber er muss sich gegen fünf Mitbewerber durchsetzen. Er ist immer mehr davon überzeugt, dass dies die Chance seines Lebens ist. Manchmal spürt er seine Unsicherheit, zweifelt an sich selbst und geht müde nach Hause. Er sagt alle privaten Verabredungen für die nächsten Wochen ab und konzentriert sich auf den Tag X, den Tag, an dem er sich dem Vorstandgremium präsentieren muss.
Schließlich kommt dieser Tag. In der Nacht davor schläft er schlecht und als er in das Bewerbungsgespräch geht, hat er Kopfschmerzen. Er kann sich nicht konzentrieren, verliert den Faden und weiß manchmal nicht mehr, was er sagen wollte. Er bekommt den Posten nicht. Zur Begründung sagte der Chef: „ Sie scheinen im Moment nicht sehr belastbar zu sein, sie wirken müde!“ In den kommenden Tagen werden seine Kopfschmerzen immer stärker, so dass er zum Arzt muss.
Der sagt nur: „Sie sind ja völlig verspannt. Ist ihnen schon aufgefallen, dass ihre Schultern ganz schief hängen? Sie sollten etwas für ihren Rücken tun, dann gehen auch die Kopfschmerzen weg.“
Ein Mediziner kann das gut erklären, was da passiert, wenn man erfolgreich sein will und alle Energie einsetzt, um etwas zu erreichen. Da geschieht ganz viel im Körper, was die Energie blockiert. Man beißt die Zähne zusammen, dadurch verkrampft sich die Muskulatur des Kiefers und des Nackens. Man zieht die Schultern hoch und treibt sich selber an: reiß dich zusammen, du schaffst das.
Der Blick ist nur nach vorne gerichtet und gebannt schaut man in die Zukunft.  Der ganze Kopf ist durch diese Fixierung auf den Erfolg in ständiger Anspannung und Überspannung. Irgendwann muss er dann mal wehtun. Viele Milliarden Euro müssen die Krankenkassen jedes Jahr bezahlen für  die Schäden an der Wirbelsäule und im Rücken. Und viele dieser Krankheiten sind nicht durch Abnutzung oder Überlastung entstanden, sondern durch psychischen Stress.
Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Kopfhaltung zu: wenn die Beweglichkeit des Kopfes eingeschränkt ist, können auch die Muskeln des Rumpfes nicht entspannt sein. Am Hinterkopf befindet sich zudem ein empfindliches, von Nerven durchsetztes Gewebe, über das das vegetative Nervensystem stark beeinflusst werden kann.
Ideal ist eine lockere Muskulatur und damit einhergehend eine gute Durchblutung des Kopfes.

Im heutigen Sonntagsevangelium finden wir eine Art Therapie gegen falsche Kopfhaltungen. Wir sind im Lukasevangelium und Jesus ist mit seinen Freunden unterwegs. Alles vibriert vor gespannter Erwartung, was mit diesem Jesus zu erleben sein wird. Alle schauen nach vorne, nach Jerusalem. Dort wird sich zeigen, ob Jesus erfolgreich sein wird:
Als die Zeit herankam, in der Jesus in den Himmel aufgenommen werden sollte, entschloss er sich, nach Jerusalem zu gehen. Und er schickte Boten vor sich her. Diese kamen in ein samaritisches Dorf und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen. Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war. Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: „Herr sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet?“ Da wandte sich Jesus um und herrschte sie an. Und sie gingen zusammen in ein anderes Dorf.
Als sie auf ihrem Weg weiter zogen, redete ein Mann Jesus an und sagte: „Ich will dir folgen, wohin du auch gehst.“
Jesus antwortete ihm: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“

Ich kann sie vor mir sehen, die Jünger Jesu, wie sie mit geballten Fäusten und wütendem Gesicht nach oben schauen und Feuer vom Himmel herunter beten wollen, weil sich da Menschen in ihren Weg stellen. Sie wollen doch, dass Jesus Erfolg hat, damit sie selbst auch Erfolg haben. Lukas erzählt, wie die Jünger wetteifern, wer von ihnen in der Gefolgschaft Jesu die ersten Ränge einnimmt.

Und Jesus herrscht sie an, er schreit sie an und ich stelle mir vor, wie die Jünger erschrecken und Jesus verwundert anschauen. Nein, sagt Jesus, so geht das nicht, mit Gewalt kann man kein Glück erreichen.
Wo seid ihr nur mit euren Gedanken, wie könnt ihr glauben, das Reich Gottes ließe sich Brutalität durchsetzen.
Vielleicht haben sich die Jünger dann etwas entspannt. Und vielleicht haben sie gespürt, wie verkrampft sie sind: in den Gesichtern, den Köpfen und den Händen.
Und dann kommt noch einer, der mit Jesus überall hingehen möchte. Auch er wird sich davon einiges versprechen, wird sich in Gedanken ausmalen, was es ihm einbringen könnte, in der Mannschaft eines beachteten Rabbis zu sein. Auch ihn holt Jesus in die Gegenwart und macht ihm deutlich, dass da nichts zu holen ist, nicht so wie er es sich vorstellt. Wer mit Jesus geht, der kann keine Sicherheiten erwarten. Jesus baut keim Imperium auf, er baut keine Paläste und er hat keine Ämter zu verteilen.

In beiden Szenen rückt Jesus den Menschen den Kopf zurecht, holt sie aus ihren Zukunftsphantasien in die Gegenwart. Später, wenn er am Kreuz hängen wird, werden sie sehen, wohin es führt, wenn Menschen einander nicht in Liebe zugewandt bleiben können.
Wenn sie in ihren Machtphantasien und in ihrer Zukunftsangst jeden beseitigen, der ihre Zukunft gefährden könnte. Und sie werden sich vielleicht zurückerinnern, wie sie selbst die Gewalt herbei beten wollten, weil sie ihre eigene Zukunft so verbissen erkämpfen wollten. Und sie werden ihn am Kreuz schreien hören: Herr, rechne ihnen ihre Sünden nicht an.
Es gibt auch das andere, das Hängen bleiben in der Vergangenheit, auch hier muss der Kopf eine unnatürliche Haltung einnehmen, auch hier kommt es zu Verkrampfungen, weil man das Glück eben in der Vergangenheit vermutet:
Sie ist jetzt 56 Jahre alt. Als sie 16 war, hatte ihre Mutter, die den Mann im Krieg verloren hatte, gesagt: verlass dich nicht auf einen Mann, Männer bringen kein Glück. Mit 20 hat sie sich dann in einen Kerl mit langen Haaren und Stirnband verliebt.
Er sitzt mit seiner Gitarre im Park und spielt Lieder von Bob Dylan und den Beatles. Sie verliebt sich Hals über Kopf in ihn und sie ziehen am Wochenende durch die Gegend.
In der Firma lernt sie einen anderen Mann kennen, seriöses Auftreten, fleißig, einer, der möglichst schnell eine Familie gründen will. Er macht ihr den Hof und malt ihr eine gemeinsame Zukunft in den schönsten Farben. Schließlich, nach Monaten, lädt er sie zum Essen ein und macht ihr einen Heiratsantrag.
Nun muss sie sich entscheiden – zwischen dem Hippie und dem Geschäftsmann. Sie wählt die Sicherheit und nimmt den Geschäftsmann. Sie bekommen vier Kinder, danach plätschert ihre Ehe so dahin.
Heute, mit 56, träumt sie manchmal von dem Kerl mit der Gitarre. Und dann lässt sie manchmal den Gedanken zu, ob ihr Leben vielleicht anders verlaufen wäre, wenn sie den Hippie genommen hätte.
Dann kommen ihr die Tränen und sie fragt sich, ob sie schon jemals einmal glücklich war.
Ob die Frau mit dem Hippie glücklich geworden wäre, ist fraglich, aber sie stellt es sich so vor. Sie malt es sich in ihrer Vorstellung aus: hätte ich mich doch früher anders entschieden, wäre ich heute glücklicher. So jammert sie jeden Tag und phantasiert sich ihre Vergangenheit zurecht.

Die Vergangenheit wird zum Trostpflaster für die unschöne Gegenwart.
Der sehnsuchtsvolle Blick zurück, zieht alle Aufmerksamkeit aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Da bleibt dann keine Energie für neue Ideen, wie die Gegenwart anders zu gestalten wäre. Und dann ist der Schritt in ein depressives Loch nicht weit. Warum soll ich mich noch anstrengen, wenn das Glück eh in der Vergangenheit liegen geblieben ist.

Auch hier finden wir im Lukasevangelium eine Antwort Jesu:
Zu einem anderen sagte Jesus: „Folge mir nach!“ Der erwiderte: „Lass mich zuerst heim gehen und meinen Vater begraben“. Jesus sagte zu ihm: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“
Wieder ein anderer sagte: „Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Abschied nehmen.“ Jesus erwiderte: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“
Es klingt sehr hart, wenn Jesus hier Menschen davon abhält, ihre religiösen Pflichten zu erfüllen oder ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden.

Aber Jesus spürt wohl, wer nach hinten schaut, lebt nicht hier und jetzt.
Wer jetzt leben will und seinen Kopf nach hinten verdreht hat, kann das Reich Gottes, das Glück in der Gegenwart, nicht wahrnehmen. Dieses Reich Gottes fängt ja nicht erst in einer fernen Zukunft an, es beginnt jetzt. Deshalb versucht Jesus auch hier den Kopf zurecht zu rücken. Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, taugt nicht für das Reich Gottes.
Jesus nachfolgen heißt: In der Gegenwart leben, in seiner Gegenwart leben. Die segensgeladene Liebe und Energie Gottes ist in Jesus leibhaftig spürbar. Die Menschen, die Jesus nachfolgen wollen, sollen diese Nähe und Kraft wahrnehmen. Das geht aber nur, wenn sie innerlich nicht weglaufen.
Wer innerlich wegläuft, sei es in die Zukunft oder in die Vergangenheit, der lebt nicht im Augenblick und kann daher auch kein Glück empfinden im jetzigen Augenblick.

Ich kann mir von Jesus immer wieder den Kopf zurechtrücken lassen, damit ich jetzt, hier und im Augenblick lebe. Jetzt muss ich sehen, was ich brauche und was andere brauchen. Wenn ich in der Gegenwart nicht glücklich sein kann, dann verliere ich mich in der Vergangenheit oder ich renne blindlings in die Zukunft.
Der Evangelist Lukas entfaltet dieses Thema immer wieder in seinen Erzählungen, etwa in der Szene von Marta und Maria. Jesus besucht die beiden, Maria genießt es, dass Jesus da ist, während Marta sich in ihren hausfraulichen Arbeiten verliert. Oder in der Erzählung vom verlorenen Sohn, der sich verliert und wieder finden muss.

In der Geschichte vom barmherzigen Samariter, der als einziger den verletzten am Boden liegen sieht. Die anderen rennen an ihm vorbei, weil sie mit ihrer Aufmerksamkeit nicht in der Gegenwart sind und Wichtigeres zu tun haben, als einem Verletzten zu helfen.
Und Lukas zieht diesen Faden bis nach Ostern: die Emmaus -Jünger, die traurig in die Vergangenheit schauen und ängstlich fragen: was wird jetzt aus uns. Ihnen zeigt sich Jesus: im Brotbrechen ist er real in der Gegenwart fassbar und spürbar. Da gingen ihnen die Augen auf, heißt es.
Das ist es, was wir in jeder Eucharistiefeier wahrnehmen können: Jesus ist real präsent, ganz in der Gegenwart da. Wenn ich ihm so begegne, gibt er mir die Kraft, mich mit meiner Vergangenheit auszusöhnen und meine Zukunft zu gestalten.
Das ist die Grundbotschaft unseres Glaubens: du darfst leben, jetzt und hier, denn Er ist immer da für dich:

Leben in der Gegenwart im Sinne Jesu kann heißen:

Sei offen für alles, was dir begegnet,
aber sieh auf den Weg, den du jetzt gehst.
Lass dich ein auf deine Zeit,
aber suche deinen eigenen Rhythmus.
Gestalte die Welt,
aber gehe nicht in ihr auf.
Verlier dich nicht in der Arbeit,
aber was du tust, tue gern.
Liebe die Gegenwart
und lerne, gelassen zu sein.
Kämpfe um deine Ziele,
aber suche dabei Frieden.
Sei gut zu dir selbst
und öffne dein Herz für andere.
Stell dich deiner Angst
und verwandle sie in Kraft.
Akzeptiere, dass du endlich bist,
aber vergiss nicht, dass du unendlich geliebt bist.

Weil wir das immer wieder  vergessen, dass wir in jedem Augenblick von der göttlichen Liebe umgeben sind, hat Jesus uns gezeigt, wie wir beten können: ohne innere und äußere Verkrampfung dem väterlichen und mütterlichen Gott all das anvertrauen, was uns am Herzen liegt.

Wenn ich mir bewusst mache, dass meine Zukunft in Gottes Hand liegt und die Fehler meiner Vergangenheit vergeben werden, dann brauche ich nur noch die Nahrung für das Heute zu erbitten:
Vater unser im Himmel…

 Dietmar Rebmann, PR

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