Kath. Morgenfeier im Bayerischen Rundfunk    Zum 4. Fastensonnatg 2007

St. Severin Garching

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Pastoralreferent Dietmar Rebmann
arbeitet auch für den Bayerischen Rundfunk
und gestaltet Katholische Morgenfeiern.

Im Bild:
Dietmar Rebmann, St. Severin Garching
(beim Neujahrsempfang in St. Severin 2007)

Katholische Morgenfeier
Predigt zum 4. Fastensonntag
1Sam16,1b.6-7.10-13; Eph 5,8-14

Das Leben verfremdet mich

„Ich könnte ihn umbringen“ - zwei Geschwister sitzen am Küchentisch und streiten. Die Schwester ärgert sich, weil der jüngere Bruder sich schon wieder erfolgreich vor der Hausarbeit gedrückt hat. Sie ist wütend und lässt ihrem Ärger freien Lauf. Der Bruder beklagt sich über die zickige Schwester und sucht Hilfe bei der Mutter.

Ein paar Minuten später kann sich so ein emotionales Gewitter schon wieder verzogen haben.

Sie werden sagen: Ja, das kennen wir aus der eigenen Familie, bei unseren eigenen Kinder kommt das auch vor. Und früher, ja, was haben wir da mit den eigenen Geschwistern gestritten.

Was in der Familie geschieht, ist oft mit starken Gefühlen verbunden. Deshalb sind wir auch so stark von diesen Erfahrungen geprägt.

Da gibt es schöne Erinnerungen an Familienfeste und Kinderabenteuer und das Gefühl, in Kreis der Familie geborgen gewesen zu sein.

Aber es gibt auch das Andere: die Rivalitäten zwischen den Geschwistern, die Kämpfe um das Wohlwollen der Eltern und die vielen alltäglichen Verletzungen, die Eltern den Kindern zufügen, einfach weil sie oft keine Kraft mehr haben.

In dem ganzen Gefüge einer Familie kann keiner immer so sein, wie er sein möchte.

Jeder wir durch die Reaktionen der anderen auch verfremdet und verbogen.  

Wenn ich zurückblicke

Und später, wenn man dann erwachsen ist, zwingt einen das Leben dazu, nochmals zurück zu schauen. Z.B. wenn ich in einer Lebenskrise stecke und mich frage: wer bin ich eigentlich? Wie bin ich so geworden, wie ich heute bin? Dann fallen mir dann die „alten Geschichten“ wieder ein. Und dann tauchen auch die Stimmen der Eltern wieder auf, die mir gesagt haben: „streng dich an!“, „sei ein braves Kind!“, „mach uns keinen Ärger!“.

Und manchmal ist es wie ein Fluch: ich möchte gerne ich selber sein und frei entscheiden über mein Leben, aber die alten Botschaften der Familie funken mir dazwischen und bremsen mich aus.

Worauf soll ich hören? Wer zeigt mir, wer ich wirklich bin und wie kann ich all die seelischen Lasten abwerfen, die ich von der Familie mitbekommen habe?

Wie Gott mich ansieht

In der Lesung des heutigen Sonntags steckt hier eine wichtige und heilsame Antwort.

Gott schickt Samuel, um einen neuen König zu salben. Man hätte erwarten können, dass Gott unter den Söhnen Isais einen heraus sucht, der kräftig und stark ist und mit sicherer Autorität auftritt. Nur so einer kann doch König werden. Und so hatte es sich wohl auch die ganze Familie gedacht. Aber Gott wählt anders: er nimmt den, der in den Augen der Familie nicht viel zu bieten hat. David sieht zwar gut aus, aber er ist zu jung, zu schwach, zu unerfahren, deshalb wird er nicht einmal herbei gerufen, als der Prophet Samuel erscheint.

Gott sieht aber nicht auf das Äußere, er sieht auf das Herz, heißt es. Das ist der zentrale Satz in dieser Szene. Es ist eine erstaunliche Aussage. Wir unterstellen Gott ja gerne, dass er uns Menschen nach unserem Verhalten und unserem Auftreten beurteilt. Aber Gott schaut tiefer in uns hinein, er sieht bis auf den Grund meiner Seele und meines Herzens, er sieht den Kern in mir, also das, was er in Liebe in mir angelegt hat.

Und ich glaube, Gott will, dass ich aus diesem Kern heraus lebe.

Wie ich neu lebe

Der Apostel Paulus ruft mir heute zu: „Wach auf, steh auf von den Toten.“ Wie oft schlafe ich vor mich hin oder flüchte mich in Träume von einem besseren Leben. Ich packe nichts an und gebe die Schuld für mein Versagen den Umständen, der Familie, den Enttäuschungen, die ich erlebt habe. Aufwachen heißt, dass ich lerne mich so zu sehen, wie ich wirklich bin, dass ich mich selber annehme mit all dem, was zu mir gehört. Und dass ich endlich anfange zu leben und all das, was andere in mir zerstört oder behindert haben, wieder wachsen lasse.  

Wie ich auf andere blicke

Und wenn ich mit diesem Blick auf andere Menschen schaue, kann sich vieles in den Beziehungen verändern.

In einer Ehe oder Partnerschaft ist es oft so, dass man am Beginn, in der Phase des Verliebtseins, eine Ahnung vom liebenswerten Kern eines Menschen hat. Ich denke gar nicht darüber nach, warum ich diesen Menschen liebe, ich spüre einfach eine Anziehung zum Kern eines Menschen. Im Laufe der Jahre und des alltäglichen Miteinanders richtet sich die Aufmerksamkeit immer mehr auf die Außenseiten, die Seiten des Partners oder der Partnerin, die mich nerven, die blöden Angewohnten, die Grenzen, die Mucken und Macken. Und eine Beziehung zerbricht dann allmählich, wenn beide nur noch diese Außenseiten sehen und nicht mehr den liebenswerten Kern des anderen aufspüren.

Und auch in der Berufs- und Arbeitswelt wird es zunehmend schwieriger, den Kollegen oder Mitarbeiter nicht nur als Konkurrenten, sondern als Menschen zu betrachten, der genauso wie ich, in seinem Kern ein liebenswerter Mensch ist, der Anerkennung sucht und braucht, so wie ich auch.

Was ich ändern kann

Sie könnten dazu eine kleine Übung machen und einmal an die Menschen denken, mit denen sie leben und arbeiten. Nehmen sie sich auch die heraus, mit denen sie sich besonders schwer tun und überprüfen sie einmal selbst, was sie an diesen Menschen besonders stört. Und dann versuchen sie einmal diese Menschen mit der Brille Gottes zu betrachten: versuchen sie sich vorzustellen, dass dieser Mensch nicht nur aus Fehlern und unangenehmen Seiten besteht, sondern eigentlich ein wunderschöner Gedanke Gottes ist, ein liebenswertes und Liebe suchendes Geschöpf in seinem innersten Kern, den man nicht sofort sieht, weil das Leben diesen Menschen auch verbogen und verfremdet hat. Und nehmen sie wahr, was sich verändert, wenn sie einen Menschen mit anderen Augen betrachten.

 Dietmar Rebmann, PR

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