Katholische Morgenfeier 4. Sonntag i.JK Der dunkle und kalte Winter gibt uns wie keine andere Jahreszeit das Gefühl, von Kräften abhängig zu sein, die wir nicht steuern können. Wir fühlen uns eher gelähmt und tun uns schwer, etwas Neues anzupacken. Früher glaubten die Menschen daher an so genannte Wintergeister und Dämonen, die die Menschen im Griff haben. Und schon mit Beginn der Wintersonnwende hat man angefangen, diese Geister auszutreiben. In manchen Gegenden Bayerns und Österreichs ist teilweise heute noch das Ausräuchern der Bauernhäuser üblich. Dazu gab man Glut aus dem Ofen in einen Eimer, darauf Weihrauch oder andere geweihte Kräuter und damit ging durch das ganze Haus. Durch dieses Einräuchern der Stuben sollten Geister und Dämonen abgewehrt werden.
Eltern und Kinder haben sich verkleidet und
wilde Tänze aufgeführt, um die Geister zu erschrecken. Oder man hat Strohpuppen
verbrannt, die symbolisch für den Winter standen. Auch viele Rituale des Faschings sollten
helfen, die Wintergeister zu erschrecken und zu vertreiben. Die christliche Tradition hat versucht, den Glauben an Geister und Dämonen zu bekämpfen. Man wollte den Menschen zeigen, dass sie nicht von blinden Gewalten und Naturmächten fremd gesteuert werden. Trotzdem haben sich viele Traditionen bis heute gehalten oder wurden von esoterischen Strömungen wieder ins Leben gerufen. Nun glauben wir ja heute nicht mehr an Geister. Wir können gegen die Dunkelheit unsere Schweinwerfer einsetzen und wenn´s kalt ist, drehen wir die Heizung höher. Trotzdem bleibt der Winter auch für uns moderne Menschen nicht ohne Folgen. In allen Zeitungen und Magazinen findet man Berichte über die Strategien gegen die Winterdepression. Und wenn man die endlich überstanden hat, so steht da, kann man auch eine Frühjahrsdepression kriegen. Die dann hoffentlich nicht den ganzen Sommer über dauert, sonst schlittert man nahtlos in die Herbstdepression. Wenn man das so hört, könnte man denken, wir sind alle verrückt. Aber vielleicht ist es gut, einmal genauer hinzuschauen: Was macht mich denn so kraftlos? Warum fühle ich mich Kräften ausgeliefert, die mich fremd steuern? Oder mache ich mich vielleicht selber verrückt?! Irgendetwas passiert da in unserem Seelenleben, was uns im Griff hat und uns steuert, so dass wir uns hilflos fühlen. Es scheint eine Grunderfahrung des Menschen zu sein, dass irgendetwas in einem herumgeistern kann, was einem Kraft wegnimmt. Und im Winter spürt man das vielleicht besonders deutlich. In den biblischen Erzählungen findet man einige Geschichten über Menschen, die von fremden Kräften und Dämonen besessen sind. Friedolin Stier übersetzt das Wort Dämon mit „Abergeister“. Aber, so wie es in „Aberglaube“ oder „Aberwitz“ noch verwendet wird, heißt hier: verkehrt. Also irgendein verkehrter Geist in mir will immer etwas anderes oder das Gegenteil. Ich merke das, wenn ich mich einmal ausspannen und erholen müsste. Dann sagt eine Stimme in mir: „Aber, das kannst du doch nicht tun. Was sagen da die Nachbarn, wenn du hier faul herumhängst. Denk dran: deine Eltern haben immer gesagt: Das Leben besteht nun mal aus Arbeit, ruhen kannst du mal im Grab.“ Oder da liegt noch die Steuererklärung, die müsste jetzt unbedingt diese Woche fertig werden. Die Stimme in mir flüstert dann: „Aber das muss doch nicht gleich sein. Verschieb es noch ein wenig, setzt dich nicht unter Druck.“ So bin ich immer wieder hin und her gerissen zwischen verschiedenen Teilen und Stimmen in mir. Und ich würde diese inneren Geister wirklich gerne mit einem seelischen Winteraustreiben aus mir herausjagen. Auf einem antiken Friedhof haben Archäologen Schädel gefunden, in denen sich ein kleines, kreisförmiges Loch befindet. Durch Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass diese Löcher in den Köpfen bereits zu Lebzeiten der Menschen vorhanden waren. Für medizinische Zwecke wäre das Loch zu klein gewesen, deshalb gehen Forscher davon aus, dass man damit Dämonen die Möglichkeiten geben wollte, den Körper eines kranken Menschen zu verlassen. Heute lächeln wir vielleicht über solche naiven Vorstellungen. Wir benutzen da eher komplizierte psychologische Theorien und Modelle. Aber, wie immer wir es deuten und erklären, ich erlebe es einfach so, dass ich mich oft innerlich nicht frei fühle. Ich schwanke hin und her und merke, dass ich mich selbst oft unter Druck setze. Und in mir eine große Unruhe ist. Eine amerikanische Psychologin nennt die vielen Stimmen und Teile in mir, die mich so hin- und herzerren können, „Kopfbewohner“ Das ist für mich ein gutes Bild. Ich stelle mir vor, wer denn da alles in meinem Kopf sitzt, fast so wie in einem inneren Stammtisch. Da sitzen meine Eltern und Lehrer mit ihren Ratschlägen, da sitzen die Vorgesetzten, denen ich es recht machen will. Da sitzen Menschen aus meinem Umfeld, vor denen ich gut dastehen will. Da sitzt ein Antreiber, der sagt: streng dich an. Oder der Abwerter, der sagt: nimm dich nicht so wichtig. Oder der Angstmacher, der sagt: Vorsicht, verlass dich nicht auf andere, vertrau keinem. Lauter Abergeister bevölkern meinen Kopf. Und die können mich manchmal ganz schön verrückt machen. Da kann ich mir gut vorstellen, wie es dem Mann ergangen ist, von dem heute im Sonntagsevangelium zu hören ist. In Kafarnaum ging Jesus am Sabbat in die Synagoge und lehrte. Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten. In einer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Da erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa. Ein Befehl von Jesus und schon ist der Mann nicht mehr krank. Na wenn es doch so einfach wäre, einen Menschen wieder heil und gesund zu machen. Was der Evangelist Markus hier erzählt, klingt wie eine Ruck-Zuck-Behandlung durch Jesus. Aber Markus stellt diese Szene an den Anfang seiner Berichte über Jesus. Wie in einer Ouvertüre will er darstellen, was mit Menschen geschieht, die Jesus begegnen: sie werden geheilt und von Kräften befreit, die sie einengen. Man kann sich die Szenerie in der Synagoge auch in Zeitlupe vorstellen. Und was dargestellt wird, als innere Vorgänge verstehen. Der Weg zur Heilung beginnt damit, dass der unreine Geist, also das, womit dieser Mann im unreinen ist, ans Licht kommt. Der unreine Geist schreit ja auf, weil er hört, aus welcher Kraft Jesus zu den Menschen spricht. Und der unreine Geist weiß auch, welche Kraft das ist, nämlich die heilende Kraft der Liebe. Wenn ich mit mir selbst im unreinen bin, kann mich nur eine liebende Berührung heilen, die mir hilft, mich selbst anzunehmen. Damit bringt Jesus alle Stimmen, die in einem Menschen herumgeistern zum Verstummen. Jesus befiehlt den unreinen Geistern zu schweigen. Er unterbricht damit das ständige hin und her. Er bringt die Kopfbewohner zum Verstummen. Das geht natürlich auch nicht sofort. Zuerst zerren die Stimmen den Mann noch einmal hin und her. Denn hier muss nun jeder Mensch selbst eine Entscheidung treffen. Ich muss mich dazu entscheiden, dieser liebenden Kraft wirklich zu vertrauen. Ich muss diese heilende Kraft Gottes auch wirklich in mich hinein lassen, nur dann fahren die fremden Kräfte aus mir heraus. Psychologisch würden wir heute sagen: ich muss aus der Fremdbestimmung in die Selbstbestimmung kommen. Da steckt das Wort Stimme drin. Wenn ich auf die Stimme Gottes höre, der mir sagt: sei ganz ruhig, du bist von mir geliebt, es kann dir nichts geschehen, dann kommen die vielen Stimmen in mir zur Ruhe. Dann kann ich der Stimme meines Herzens folgen, weil das Durcheinander in mir aufhört. Dann bin ich nicht mehr hin und her gerissen, weil ich eine klare Orientierung habe.
Theresa von Avila hat dies in einem kleinen
Gebet ausgedrückt: Dieser Text tröstet, gerade dann, wenn´s mir eng wird ums Herz. Wenn die Ängste übermächtig werden und die Fröhlichkeit verjagen, wenn Unruhe und innere Getriebenheit die Führung übernehmen.
Man kann das Gebet weiter schreiben: Wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, von ihren Vorsätzen für das neue Jahr etwas umsetzen wollen, dann sollten sie sich nicht unter Druck setzen. Wissenschaftler sagen, dass 25 Prozent aller guten Vorsätze nach durchschnittlich 15 Wochen scheitern. Das liegt unter anderem am so genannten „Falsche-Hoffnung-Syndrom“. Das meint: Wenn ich glaube, dass sich eine Veränderung in einem Bereich auch auf andere Bereiche auswirken wird. Wenn ich mich der Illusion hingebe, als schlankerer Mensch endlich die Liebe für´s Leben zu finden oder endlich befördert zu werden, wenn ich mit dem Rauchen aufhöre. Wenn sich so ein simpler Zusammenhang dann nicht einstellt, tauchen die alten Dämonen und inneren Geistern wieder auf und sagen: siehst du, du schaffst es nicht, streng dich mehr an. Daher kann es gut sein, erst einmal nachzuspüren, wohin meine Sehnsucht überhaupt geht. Der alte Brauch, die Wintergeister zu vertreiben hat ja auch den Sinn, den Frühling herbei zu rufen. Also das neue Leben in den Menschen zu wecken und die Sehnsucht nach Aufbruch zu spüren. Auch wenn mein Wunsch nach Veränderung groß ist, muss ich mich erst fragen, wofür genau die Zeit schon reif ist oder wofür nicht. Sonst ergeht es mir wie dem Mann, von dem der Psychotherapeut Alfred Benjamin berichtet:
Sprecher: Der Evangelist Markus versucht, den Menschen eine neue Richtung zu zeigen. Im Markusevangelium beginnt Jesus sein öffentliches Wirken mit dem Aufruf: „Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe.“ Und was das bedeutet, erzählt Markus in einer Reihe von Heilungserzählungen. Er fordert damit seine Leser und Hörer aus nicht länger zu warten. Sehr doch, die Kraft Gottes ist doch schon da. Und wo Gottes Kraft wirkt und die Menschen sich ihm anvertrauen, verändert sich das ganze Leben. Und die Menschen damals reagieren darauf, wie wir heute auch reagieren würden: die einen erschrecken und können es nicht fassen. Die anderen wollen Jesus aus dem Weg haben. Schon im 3. Kapitel des Markusevangeliums fassen sie den Beschluss, Jesus umzubringen. Sie wollen und können nicht verstehen, dass die Vollmacht, aus der heraus Jesus handelt, die Macht der Liebe ist. Aber Jesus gibt seinen Begleitern, die er sich aussucht, diese Vollmacht weiter. Er sendet sie aus mit dem Auftrag, Dämonen auszutreiben. Und so geht dieser Auftrag auch an uns weiter. Wenn ich mich von Gott heilen lasse, werde ich für andere ansteckend, ob mir das bewusst ist oder nicht. Andere mit dem eigenen Heil anstecken, das bedeutet heilig, heilend sein. Dann ist das Himmelreich nahe, dann erleben wir das ganz konkret, was Jesus angekündigt hat. Dass wir uns für dieses neue Leben, für diesen Frühling des Herzens öffnen können und alle Wintermächte aus uns vertreiben lassen, dazu gebe uns Gott seinen Segen. Es segne dich der
gütige Gott:
Er schenke dir
Frieden und Heil.
Er vertreibe
alles aus dir, Amen.
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