Kath. Morgenfeier im Bayerischen Rundfunk  4. Advent 2007

St. Severin Garching

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Pastoralreferent Dietmar Rebmann
arbeitet auch für den Bayerischen Rundfunk
und gestaltet Katholische Morgenfeiern.

Im Bild:
Dietmar Rebmann, St. Severin Garching
(beim Neujahrsempfang in St. Severin 2007)

Katholische Morgenfeier   4. Advent 2007

Thema: „Ankommen

 1.  Ankommen in meinem Leben

Jetzt hab ich schon drei Kisten durchgesucht und hab ihn immer noch nicht gefunden, der Christbaumständer muss in einer der Umzugskisten sein, die hier im Keller herumstehen. Aber das sind noch gut 30 Kisten, die wir seit dem letzten Umzug noch nicht ausgepackt haben. Mit meiner Frau und meinen Kindern bin ich in den letzten drei Jahren gleich zweimal umgezogen. Und es werden wohl nicht die letzten Umzüge gewesen sein. So ist das in unserer modernen Welt: wir bleiben nicht mehr bis ans Lebensende da, wo wir geboren werden. Wir leben in einer so genannten mobilen Welt. Viele Menschen müssen schon aus beruflichen Gründen flexibel sein. Da kann man seinem Arbeitgeber nicht sagen: och ich hab keine Lust für die Firma quer durch Deutschland und Europa zu reisen. Dann ist der Job weg. Und wenn man seinen Arbeitsplatz verloren hat, dann soll man dorthin ziehen, wo es noch Arbeitsplätze gibt.

Meine Eltern sind einmal umgezogen, als sie sich ein eigenes Haus gebaut hatten. Ich bringe es mit meinen 45 Jahren schon auf  11 Umzüge.

Als junger Student war ich froh, aus dem ländlichen Leben herauszukommen. So ein bisschen große weite Welt war schon attraktiv.

Ich bin dadurch natürlich schon ein bisschen herumgekommen, aber das ist ja mittlerweile nichts Besonderes mehr. Die Kinder und Jugendlichen reisen mit ihren Eltern heute quer über den Globus. In der Schule erzählen die Kinder, wo sie dieses Jahr Weihnachten verbringen werden: Norwegen, Ägypten, Spanien, Oman. Und das Fernsehen bringt denen, die zuhause sind, ja auch die große weite Welt ins Wohnzimmer, da fühlt man sich nirgends mehr so richtig fremd.

Aber dieses moderne Nomadenleben, hat auch seinen Preis. Wenn man sich nirgends so richtig fremd fühlt, fühlt man sich vielleicht auch nirgends mehr so richtig zuhause. Immer unterwegs zu sein, ständig bereit zu sein, die Zelte wieder abzubrechen, lässt auch nicht so richtig zur Ruhe kommen. Und wenn sich alles so schnell verändert in unserer modernen Welt, taucht natürlich auch die Frage auf: wo gehöre ich hin, wo bin ich daheim, und wo sind meine Wurzeln!

Heute fahre ich auch wieder gerne in das ruhige Tal, wo mein Elternhaus steht: ich sehe den kleinen Bach, an dem wir als Kinder Staudämme gebaut haben. Die Obstbäume meines Großvaters stehen noch, als Kind hat er mich auf den Baum gehoben, damit ich die Äpfel und Kirschen selber pflücken konnte.

Und ich merke dann: es tut gut, meine Wurzeln zu spüren, die Heimaterde zu riechen.  Ich denke zurück an die Weihnachtsfeste mit den Eltern, Großeltern, Onkeln und Tanten. An den Feiertagen waren sie alle da. Die konnten schon auch ganz schön nerven. Aber ich weiß noch genau, wie stolz ich war, wenn ein Onkel gesagt hat: ja, du bist ja schon wieder gewachsen, bist bald ein richtiger Mann. Deshalb war an Weihnachten dieses Gefühl immer am stärksten: hier gehöre ich hin, hier bin ich zuhause.

Musik 

Retro-Trend nennt man heute dieses Bedürfnis zurückzuschauen. Retro heißt rückwärts. Und diese Rückwärts-trends gibt es überall: in der Musik, in der Mode, in der Politik.

Die fünfziger Jahre sind ja jetzt gerade aktuell. Die Wirtschaftwunderzeit wird von Politikern in Erinnerung gerufen, Zeitschriften berichten ausführlich über die Zeit des Wiederaufbaus, und die Berliner Luftbrücke wurde verfilmt. 

Es ist seltsam, dass man gerade in der Vorweihnachtszeit so ein bisschen sentimental wird und gerne an früher denkt. Aber das gehört auch zur Adventszeit dazu: Advent heißt ja: Ankunft. Und in den Gottesdiensten hören wir von den Menschen in biblischer Zeit: die waren auch unterwegs und haben eine Heimat gesucht, wollten ankommen. Ja, man kann sagen, das Kirchenjahr mit seinen Festen bietet ständig Rückschau, Erinnerung, wie alles angefangen hat. Wir müssen immer wieder an den Anfang, um zu entdecken, wo wir jetzt sind und wer wir sind.

Wenn wir moderne Menschen immer nervöser werden, Kinder in der Schule herumzappeln, die psychischen Erkrankungen zunehmen, weil Menschen sich einsam fühlen und keinen Sinn mehr entdecken können, dann kann das alles ein Signal sein: schau doch einmal genau nach, wo du herkommst. Hast du so etwas wie eine Heimaterde für die Seele?! Bist du in deinem Leben irgendwo verwurzelt und lebst du aus diesen Wurzeln?!

Die Advents- und Weihnachtszeit ist vielleicht deshalb so eine beliebte Zeit im Jahr geworden. Sie schafft ein bisschen Heimeligkeit in einer unheimlichen Welt, sie lässt alles ein wenig friedlicher werden, alle rücken wieder zusammen,  und es steigen Erinnerungen auf.

 Andreas Pohl empfiehlt uns mit ein paar Gedanken, da genau hinzuschauen: 

Niemals darfst du sagen, du hättest keine Wurzeln. Ob sie breit sind oder schmal, kurz oder lang, es gibt sie, weil es dich gibt. Wenn du genau hinschaust unter die Füße deines Daseins, wirst du sie finden oder neu entdecken. Du bist eingewurzelt in eine Familie, dessen Teil du immer bleibst, auch wenn er weit weg von dir ist. Und er bleibt immer ein Teil von dir, auch wenn du meinst, du könntest von ihm weglaufen. Wer du auch bist und wo du auch lebst, verleugne nie deine Wurzeln, deine Herkunft, deine Abstammung! In deinen Adern fließt das Blut deiner Vorfahren: Botschaften der Liebe und des Glücks, Wünsche des Segens und der Fruchtbarkeit, die die Welt von Generation zu Generation bereichern und beschenken möchten. Sind deine Wurzeln krank, bete um Heilung. Sind sie gesund, lass sie sich entfalten und bringe sie zum Gedeihen. Und spiele nicht mit dem Gedanken, dass du dich von ihnen trennen möchtest, denn damit würdest du dich selbst am meisten verletzten. Deshalb: stehe zu deinen Wurzeln.

2. Ankommen in mir

Als sie zwölf Jahre alt ist, schickt ihre Mutter sie in ein Internat. Du bist mir zu anstrengend, sagt die Mutter. Und heute noch weiß sie nicht, wo sie hingehört. 

Eine junge Frau mit 29 Jahren erzählt über ihr Leben. Zweimal im Jahr lade ich zusammen mit einer Kollegin Menschen zu einem Wochenende ein, bei dem sie erzählen können, was sie gerade beschäftigt, wenn sie auf ihr Leben schauen. Unter dem Motto: „Ankommen bei mir“ können suchende Menschen einmal unter die Oberfläche schauen und spüren, was sie in der Seele bewegt.

Sie erzählen dann von den vielen Wegen und Umwegen ihres Lebens. Ältere Menschen erzählen von den Zeiten des Krieges und der Nachkriegszeit. Viele sind als Kinder mit ihren Familien aus ihrer ursprünglichen Heimat weggezogen oder vertrieben worden. Sie haben Familie nicht als Heimat erlebt. Da waren zu viele Verletzungen, weil kein Platz war für die seelischen Bedürfnisse eines Kindes. Weil die Erwachsenen zu beschäftigt waren, um den Kindern Wärme und Nähe zu schenken. Also musste ich mich so durchs Leben schlagen, sagen sie heute als Erwachsene.

Jüngere Menschen erzählen, dass ihre Eltern sich irgendwann getrennt haben, die Familie zerrissen wurde. Sie spüren den Ärger noch über ihre Eltern, sie fühlen sich im Stich gelassen und vermissen ein zuhause, in dem das Herz sich wohl fühlt.

Dann sitzt da noch ein Mann, der bald zum 4. Mal Vater wird, macht ein ganz trauriges Gesicht, weil er sich als Vater schon mit den drei älteren Kindern überfordert fühlt. Wenn die Kinder Ärger machen, fällt ihm nichts anderes ein, als sie zu bestrafen. Er sperrt dann das aufsässige Kind stundenlang in sein Zimmer ein. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, sagt er. Gleichzeitig spürt er, dass eine ganz tiefe Trauer in ihm steckt. Er beginnt zu erzählen, dass das schon immer so war. Seine Mutter hatte im Krieg ihren Bruder und ihren Vater verloren. Und er als ältestes Kind hat sich immer Sorgen um die Mutter gemacht. Und er hat ihre Trauer mitgetragen. Das ist eine Last, die er bis heute mit sich herumschleppt. Und er entdeckt, dass ihm das auch heute noch so viel Kraft nimmt, dass er für seine Kinder keine Energie mehr übrig hat, obwohl er sie doch alle liebt.

Bei mir zuhause sein. Wenn ich in mir selbst und bei mir selbst ankommen will, dann gibt es da so viele Erlebnisse und Erfahrungen, die mich von mir fern halten. Deshalb stellen wir an solchen Wochenenden manchmal einen Spiegel auf und bitten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einfach mal hineinzuschauen und zu sagen, was sie sehen. Manche sagen: ach ich kann da gar nicht hinschauen, ich mag mich doch gar nicht so, wie ich bin. Oder: ich weiß gar nicht, wer ich eigentlich bin, ich bin so durch´s Leben gehetzt und habe noch gar nicht gespürt, dass ich lebe.

Sie merken sicher, hier wird es ganz persönlich und intim, wenn jemand so von sich erzählt.

Wenn ich bei mir ankommen will, brauche ich einen ganz geschützten und intimen Raum, in dem ich einmal nur auf mich schaue. Ohne die anderen um mich herum, ohne die Pflichten des Alltags, ohne Ablenkungen. Nur mit der Frage: wer bin ich?

Eine solche intime Begegnung schildert auch das Evangelium des 4. Advent:

In jener Zeit wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt namens Nazareth zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr sei mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: ihm sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben.

Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.  Auch Elisabeth, deine Verwandte hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich. Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.

Dass Maria erschrickt, als der Engel eintritt, ist verständlich. Da berührt sie etwas Göttliches mitten in ihrem Alltag zuhause, völlig unerwartet und unvorstellbar. Niemand ist um sie herum, nur sie allein hört diese Botschaft des Engels: Du bist voll mit Gottes Gnade, du brauchst keine Angst zu haben. Und was ihr dann angekündigt wird, ist noch unvorstellbarer, sie wird ein göttliches Kind in sich tragen. Nein, das gibt´s nicht. Maria schaut erst auf das Äußere: ich bin doch noch mit keinem Mann zusammengekommen. Der Engel lässt Maria tiefer schauen: denk an Elisabeth, sie gilt als unfruchtbar und doch ist sie jetzt schwanger. Ja, wie geht das? Für Gott ist nichts unmöglich, sagt der Engel.

Wenn Maria sagt: ich bin die Magd des Herrn, dann ist damit natürlich keine Stallmagd gemeint. Mägde und Knechte Gottes sind Menschen, die sich für das öffnen, was Gott mit ihnen vorhat. Menschen, die unter die Oberfläche sehen und hören.

Maria hat von Gott eine ganz besondere Bestimmung bekommen. Aber es gilt auch für mich: dass Gott etwas mit mir vorhat.

Aber bei diesem Gedanken erschrecke ich auch, ich will es sogar abwehren: ich etwas Besonderes, nein, wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich nur grauen Alltag. Ich kann mich doch selbst nicht annehmen, wie soll ich glauben, dass Gott, der Unfehlbare, einen Blick für mich haben könnte.

Aber ich höre auch die Botschaft des Engels: die Kraft Gottes wirkt in dir, und für Gott ist nichts unmöglich.

Was hier in der intimen Begegnung zwischen dem Engel und Maria geschieht, kann ich nur erleben, wenn ich in mir zuhause bin. Wenn ich nicht weglaufe vor mir selbst, vor meinen Schwächen und Fehlern, wenn ich den Müll, der auf meiner Seele liegt, einmal wegräume und mich in einen anderen, einen göttlichen Raum hineinziehen lasse. So kann man sich das vorstellen: der Engel, die Stimme Gottes in mir, zieht mich ganz langsam weg von dem Durcheinander des Alltags, er zieht mich weg von den Baustellen meines Lebens und hält mir einen Spiegel hin und sagt: schau dich an, du bist so wie du bist, angefüllt mit der Liebe Gottes. Und während ich schon wieder einwenden will: aber…sagt der Engel: für Gott ist nicht unmöglich.

3. Ankommen bei Gott

Ich finde es nicht verwunderlich, liebe Hörerinnen und Hörer, wenn in der Vorweihnachtszeit viele Menschen in der Gegend herumhetzen. Wenn wir uns so richtig vorausgaben, weil wir Geschenke und Dekorationen für die Wohnung und Weihnachts-CD´s besorgen müssen.

Viele klagen über die Unruhe in der staden Zeit und über das Gerenne in den Einkaufsstraßen. Aber wenn wir auch da in den Spiegel schauen, können wir entdecken, dass wir viel Energie für Äußerlichkeiten verbrauchen. So sind wir nun mal: unruhig suchen wir nach Dingen, die uns glücklicher und den Alltag etwas erträglicher machen. Und es braucht diese Unruhe auch, denn wenn es dann ruhiger wird, merke ich erst, wie viel Kraft mich das alles kostet, und dass es mich nicht glücklicher macht. Also suche ich noch einmal, wo ich wirklich inneren Frieden finden kann.

In den Erzählungen der Bibel sind auch alle unterwegs: die Sterndeuter aus dem Morgenland, die Hirten, Maria und Josef. Aber alle Bewegungen dieser Menschen führen an einen bestimmten Ort hin: an die Krippe.

Da liegt ein kleines Kind. Wehrlos, nackt, schutzlos. Und auch dieses Kind ist wie ein Spiegel. Es sagt: schau dich selbst an: du bist ein nacktes, hilfsbedürftiges Menschenkind. Und weil du das nicht aushälst, rennst du irgendwelchen Dingen hinterher, um glücklich zu sein.

Wenn du Ruhe und Frieden finden willst, dann lass dich anstecken vom Gesang der Engel, denn die singen nicht nur hier an der Krippe, sie haben auch gesungen, als du geboren wurdest, sie singen bei der Geburt eines jeden Menschen. Deshalb liegt dieses kleine Kind in der Krippe: es erinnert mich an meine Sehnsucht nach Leben und Glück, an den tiefen Wunsch im Haus meines Lebens daheim zu sein. Und zu entdecken, dass Gott mich genau hier besucht  - durch seinen Engel.

Mit Gedanken von Andreas Pohl zu diesem inneren Lebenshaus wünsche ich Ihnen eine gesegnete 4. Adventswoche: 

Wenn du einmal in das Fenster deines Hauses hineinschaust, in dem du geboren und aufgewachsen bist, wirst du immer etwas finden, von dem du dich nicht so einfach trennen kannst. Auch wenn dort deine Wiege nicht mehr steht und das Haus sogar zur Ruine geworden ist, wirst du überrascht sein, welche Freude du dort noch erleben wirst.

Du findest dort deine alten Ideale, denen du dich verschrieben hast, findest dort deine jugendlichen Träume und deine Sehnsucht, die Welt zu verbessern, sie menschlicher zu machen. Du hörst noch die Stimmen deiner Eltern, die an den Wänden nachklingen, und du nimmst noch den Geruch der Küche wahr. All das und vieles mehr entdeckst du, wenn du deine Wiege aufsuchst und an ihr stehen bleibst. Nimm dir Zeit, sie anzuschauen. Lass die Erinnerungen kommen, die in dir wach werden, und lass sie sprechen. Und vielleicht, wenn du genau hinschaust, findest du noch deine „erste Liebe“. Frag dich dann selbst, was aus all dem geworden ist.

 Dietmar Rebmann, PR

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