Kath. Morgenfeier im Bayerischen Rundfunk    30.12.2007

St. Severin Garching

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Pastoralreferent Dietmar Rebmann
arbeitet auch für den Bayerischen Rundfunk
und gestaltet Katholische Morgenfeiern.

Im Bild:
Dietmar Rebmann, St. Severin Garching
(beim Neujahrsempfang in St. Severin 2007)

Katholische Morgenfeier, 30.12.2007
Fest der Hl. Familie

"Das Kind festhalten"

Liebe Hörerinnen und Hörer,
ich hoffe, Sie sind gesund geblieben in diesen Tagen und gehören nicht zu den Menschen, die laut einer Umfrage sagen: Weihnachten kann krank machen. Vielleicht müsste man anders sagen: vor Weihnachten machen wir uns verrückt, weil wir ein schönes Fest planen wollen, uns das Gehirn zermartern wegen der Geschenke und dem Festtagsessen. Immerhin die Hälfte der Befragten fühlt sich vom vorweihnachtlichen Stress so richtig genervt. Tendenz steigend.
Das Gedränge in Fußgängerzonen und Kaufhäusern und die langen Schlangen an den Kassen drücken auf die Stimmung.
Aber da sind sicher auch noch ganz andere Dinge, die den Menschen auf dem Herzen liegen, Probleme mit dem Arbeitsplatz und Sorgen mit dem Geld, Streitigkeiten in der Familie und so schreckliche Meldungen über getötete Kinder mitten in Deutschland.
Fast macht es den Eindruck, dass es mehr Gründe gibt, Weihnachten nicht zu feiern, als umgekehrt.
In einer Bibelstunde im Advent hat eine Mutter gesagt: ich kann nicht glauben, dass Gott für mich da sein soll, ich möchte das auch gar nicht, wenn ich höre, dass Eltern so verzweifelt sind, dass sie ihre Kinder umbringen. Da sollte Gott bei denen sein und nicht bei mir.
Wo ist er denn da, wenn so was passiert?
Die tröstlichen Botschaften des Advents, dass Gott in unser Leben kommen will, damit es uns gut geht, dass er uns erlösen will, klingen da wie billige Vertröstungen und scheinen keine große Wirkung entfalten zu können.
Die konkreten Probleme scheint das Jesuskind in der Krippe nicht lösen zu können, trotz der schönen Weihnachtspredigten und der festlichen Musik.

War´s das also wieder für dieses Jahr?
Genügt es uns, wenn wir uns in diesen Tagen wenigstens noch ein bisschen erholen können, bevor der Alltag wieder einkehrt?
Gott ist Mensch geworden. O.K., werden nicht wenige sagen, aber was hab ich davon? Wo ändert sich denn etwas in dieser Welt?
Die Machtspiele gehen doch weiter, immer weiter.
Wer hat das Sagen in Moskau oder Washington, in Brüssel oder Berlin, in Beirut oder Bagdad?
Wer hat das Sagen in den Unternehmen und an der Frankfurter Börse, beim Internationalen Währungsfonds oder bei der UNO?
Wen kümmert´s, dass 2,5 Millionen Kinder in Deutschland in Armut leben?!

Wenn die Stimmungslage so ist, könnten wir das liebe Christkind aus der Weihnachtskrippe holen  und wieder in einen Karton packen und bis nächstes Jahr in einen Schrank stellen. Wie kann Gott auch als Kind auf die Welt kommen? Schon damals hat dieses Kind keinen Einfluss auf die Mächtigen der Welt nehmen können. Schon damals hatten sich die Menschen einen Erlöser, einen Messias herbei gesehnt, der mit Macht gegen jede Unterdrückung arbeitet.

Aber das war ja alles ganz anders.
Denn die Heilige Familie hat nicht lange in Bethlehem bleiben können. Da ist keine Zeit zur Erholung. Da ist keine Möglichkeit für einen wirkungsvollen Auftritt. Kaum ist der Gesang der Engel verklungen, wird die Heilige Familie zu einer Familie auf der Flucht:

(Matthäus 2,13-21)
Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef  ein Engel im Traum und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.
Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hatte: aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
Als Herodes gestorben war, erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und zieh in des Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot.
Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel.

Theologisch gesehen, geht es jetzt erst richtig los. Denn die Frage ist ja, ob dieses Kind in der Krippe nur so ein schönes Bild bleibt, oder ob es eine Wirkung in meinem Leben entfalten kann. Ich sehe die Heilige Familie nach Ägypten entschwinden und habe noch gar keinen Kontakt aufnehmen können. Ich sehe das Christkind aus Holz oder Gips im Karton verschwinden und habe noch gar nicht begriffen, warum es überhaupt ausgepackt worden ist.

Wenn doch Gott in mein Leben kommen will in diesem Kind Jesus, dann will ich doch wenigstens überprüfen, was dieses Kind für eine Wirkung haben könnte. Ich will es nicht so schnell davonziehen lassen. Denn irgendwo spüre ich doch, dass diese Weihnachtsbotschaft etwas in mir zum Schwingen bringt.

Als Kind war ich immer entsetzt, wenn ich eines Morgens aufgestanden bin und meine Eltern mal wieder zu schnell mit dem Aufräumen waren und Tannenbaum und Krippe waren verschwunden. Vielleicht kann ich dem göttlichen Kind nur dann näher kommen, wenn ich auf diese Kinderebene gehe. Manchmal verstehen Kinder ja viel schneller und klarer, was wichtig ist, weil sie mehr mit dem Herzen denken, nicht mit dem Kopf:
In einer Pfarrei haben viele mitgeholfen, eine schöne Krippe für die Kirche zu gestalten mit allen Figuren, die zu einer Krippe gehören.
Das Jesuskind in der Krippe war die Freude aller Kinder. Es lächelte und streckte seine Händchen aus, als wolle es sagen: "Lasset die Kindlein zu mir kommen..." Und sie kamen nur zu gern.
Und dann geschah das Unfassbare: Als am dritten Tage nach Weihnachten der Pfarrer durch die Kirche geht, sieht er, dass das Christuskind nicht mehr da ist.
Der Pfarrer schüttelte ungläubig den Kopf. "Das gibt es doch nicht.
Der Pfarrer versteckt sich den ganzen Nachmittag hinter dem Altar und will warten, ob er jemanden entdecken kann, der sich an der Krippe zu schaffen macht.
Da geht plötzlich die Kirchentüre auf und ein kleiner Junge kommt herein.
Der Kleine geht ganz ruhig zur Krippe hin, und der Pfarrer sieht, dass er etwas in ein Stück Stoff verhüllt bei sich trägt.
Das Kind beugt sich über die leere Krippe und legt mit äußerster Behutsamkeit das Mitgebrachte hinein.
Dann glättet es sorgfältig Stroh und Moos ringsum, und als es dabei zur Seite tritt und den Blick auf die Krippe freigibt, glaubt der Pfarrer seinen Augen nicht trauen zu dürfen, denn da liegt vor ihm lächelnd, mit zärtlich ausgestreckten Händchen, das verschwundene Jesuskind.
Da tritt der Pfarrer aus seinem Versteck und fragt den Jungen:
Woher hast du denn das Jesuskind? Hast du es irgendwo gefunden?“
"Nein, sagt der Bub, ich habe es aus der Krippe genommen." "Aber warum denn? Was hast du denn mit dem Jesuskind gemacht?"
Etwas verlegen erzählt der Kleine: „Ich hätte so gern einen schönen Roller gehabt, aber meiner Mutter war er zu teuer", erklärte der Bub, "und da hab ich mir vom Christkind einen gewünscht." "Und das Christkind hat dir den Roller gebracht?"
"O ja, einen ganz wunderschönen Roller. Und ich bin so glücklich und dem lieben Christkind so dankbar. Und da hab ich gedacht, wo doch alle Kinder so gern Roller fahren, würde es dem Christkind auch Freude machen, und weil ich ihm so dankbar bin, wollte ich ihm zeigen, wie schön es sich mit dem Roller fahren lässt ..." "Und da bist du mit dem Jesuskind Roller gefahren?"
"Ja, Herr Pfarrer, jetzt eben in der schönen Mittagssonne. Drei Ehrenrunden hab ich mit ihm um die Kirche gemacht."

Dem Kind Raum in meinem Leben geben, das Kind mitnehmen in mein Leben ist kein Gefühlskitsch.

Manche Theologen bezeichnen Jesus als ein Zeichen des Widerspruchs. Wenn Menschen den Kopf in den Sand stecken, sagt er: steh auf! Wenn Menschen blind für das Schöne im Leben sind, sagt er: schau genau hin! Wenn einer den anderen ausbeutet und kaputtmachen will, sagt er: das ist dein Nächster.
Wenn Menschen von Angst gelähmt werden, sagt er: hab Vertrauen.
Wenn sich Menschen auf die ersten Plätze drängen, sagt er: die Ersten werden die Letzten sein.
Jesus widerspricht auch mir, wenn ich sage: das schaffe ich nicht, oder es verändert sich ja doch nichts.
Jesus verändert nicht die äußeren Umstände, er verändert die Menschen, er verändert mich. Wenn dieses Kind ein göttliches Licht ausstrahlt, dann kann ich mich und mein Leben davon durchleuchten lassen. Aber das mag ich gar nicht so gern, dass mich einer durchschaut, dass mich einer in meiner Hilflosigkeit sieht. Da baue ich sofort Widerstände auf. 

Um die Schwelle möglichst niedrig zu halten, hatte Gott also gar keine andere Möglichkeit, als als Kind sichtbar in unser Leben zu treten.
Das ist die beste Möglichkeit zu glauben, dass Gott ein Liebender ist. Dem Kind glaube ich das und dem Jesuskind kann ich auch das anvertrauen, was niemand von mir wissen sollte.
Darin kann die Erlösung bestehen, dass ich mich immer wieder lösen kann von den Fragen, Problemen und Ängsten, die ich zu meinen eigenen Lieblingen gemacht habe.

Die Psychologen nennen so etwas Schema. Deshalb gibt es auch eine Schematherapie, der neueste Schrei auf dem Psychomarkt. Aber auch ganz einleuchtend. Je nachdem, was mein Leben geprägt hat, habe ich ein Schema entwickelt.
Ich klammere mich an Menschen wie eine Klette, weil ich wichtige Menschen früh verloren habe. Oder umgekehrt: ich konnte mich bei meinen Eltern nie sicher fühlen, deshalb bin ich auch heute noch misstrauisch; ich kann mich nur schwer öffnen, weil ich Angst habe, verletzt zu werden.  Ich unterwerfe mich anderen Menschen, weil ich mich selbst für zu schwach halte, weil mir das früher so gesagt wurde.
Oder ich war Mamas Prinz oder Papas Prinzessin und bin dadurch etwas zu selbstsicher bis arrogant.

Da lauern also viele Fallen, in die ich hineintappen kann. Und viele Beziehungen scheitern wohl, weil man diese Fallen nicht sehen kann oder will. Ich muss schon einigen Mut aufbringen, um ehrlich in den Spiegel zu schauen. Und es kann sehr schmerzhaft sein. Denn die Wunden der Vergangenheit tragen wir Menschen mit uns. Und sie können wieder aufbrechen und das Leben aus dem Gleichgewicht bringen.

Es sind die Erlebnisse aus meiner Kindheit, die mich am stärksten geprägt haben. Und es ist für mich ein schöner Gedanke, dass mein Gegenüber, dem ich das alles anvertrauen kann, ein Kind ist, das göttliche Kind, das so voll Liebe ist, dass meine Wunden heilen dürfen.

Jesus wurde in der dunklen Nacht geboren und ist in meiner inneren Nacht bei mir. Er wird am Kreuz unter qualvollen Schmerzen sterben und ist bei mir in meinen Qualen. Mein Kummer gehört hierhin, zu ihm, in den Raum des göttlichen Kindes und Erlösers. 

Ein Mensch hatte nach dem Weihnachtsfest seine Krippe mit den 32 Weihnachtsengeln eingepackt. Nur einen Engel hatte er sich auf den Schreibtisch gestellt: "Ich brauche ein bisschen Weihnachtsfreude für das ganze Jahr“, sagte er. Da sprach der Engel plötzlich zu ihm. Verwundert fragte der Mensch: "Warum kannst du reden? Du bist doch aus Holz“. "Das ist so: Nur wenn jemand nach Weihnachten einen Engel zurückbehält wegen der Weihnachtsfreude wie bei dir - dann können wir Holzengel reden. Übrigens: Ich heiße Heinrich."

Seit diesem kurzen Gespräch stand der Engel Heinrich auf dem Schreibtisch jenes Menschen. In seinen Händen trug er einen goldenen Müllkorb. Immer wenn der Mensch sich über irgendetwas ärgerte, hielt ihm Heinrich seinen Müllkorb hin und sagte: "Wirf rein!" Und der Mensch warf seinen Ärger hinein - und weg war er. Manchmal war es ein kleiner Ärger, manchmal ein großer oder auch eine große Not oder ein großer Schmerz, mit dem er nicht fertig wurde.Eines Tages fiel dem Menschen auf, dass Heinrichs Müllkorb immer gleich wieder leer war. "Wohin bringst du das alles?", fragte er den Engel. "In die Krippe", sagte der. "Ist denn so viel Platz in der kleinen Krippe?".

"Pass auf“, sagte der Engel, „in der Krippe liegt ein Kind. Es ist der Herr der Welt. Dieses Kind ist noch viel kleiner als die Krippe. Und sein Herz ist noch viel, viel kleiner. Deinen Kummer lege ich in Wahrheit gar nicht in die Krippe, sondern in das Herz dieses Kindes. Verstehst du?" Der Mensch dachte lange nach. "Das ist schwer zu verstehen. Und trotzdem freue ich mich. Komisch was?" Heinrich runzelte die Stirn. "Das ist gar nicht komisch, sondern das ist die Weihnachtsfreude. Verstanden?" Der Mensch wollte Heinrich noch vieles fragen, aber Heinrich legte den Finger auf den Mund und sprach:
"Psst! Nicht reden! Freuen!"

Gebet:
So will ich beten:
Göttliches Kind, Jesus,
ich will mich an dir festhalten.
Ich will deine Wärme spüren,
damit mein Herz nicht erkaltet und hart wird.
Das Kind in mir möchte dir begegnen und sich von dir segnen lassen, damit es sich sicher und geborgen fühlen kann.

Josef und Maria, Eltern des göttlichen Kindes,
ich will mich an euch festhalten, wenn mich die Sorgen des Alltags erdrücken.
Ich will euch zum Vorbild nehmen, wenn ich zu schnell aufgeben will,
wenn meine Kraft nicht mehr reicht, um zu lieben.

Heilige Familie,
ich sehe euren Weg und entdecke darin meinen Weg durch ein Leben voller Fragen, voller Härte und Angst.
In eurer Nähe will ich aufatmen und mein Leben wagen im Vertrauen darauf, dass Gott das vollendet, was ich unvollendet lassen muss.
Amen.

Dietmar Rebmann, PR

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