Katholische Morgenfeier am 10.08.2008/Bayern1Radio Der Sprung ins kalte Wasser „So, nun können wir das auch abhaken. Gut, dass das vorbei ist.“ Wir
stehen an Bistrotischen vor einer Halle, in der ein paar Hundert Schülerinnen
und Schüler ihren Abschlussball feiern. Wir Eltern unterhalten uns draußen und
sind froh, dass wir unsere Kinder durch die Schulzeit gebracht haben. Jetzt geht
endlich mal wieder etwas weiter. Die Kinder erzählen sich drinnen gegenseitig
von den Streichen, die sie ihren Lehrerinnen und Lehrern in all den Jahren
zugemutet haben. Es gibt aber auch Eltern, die diese Zeit nicht so schnell abhaken können. Hier und da kommt Wehmaut auf. Wenn sich bei den Kindern etwas verändert, spüren auch die Eltern, dass sich die eigene Lebenszeit wieder ein Stück verkürzt hat. Und mit jedem neuen Lebensabschnitt taucht irgendwo im Hintergrund die Frage auf, wie wohl die kommenden Jahre werden. Vielleicht sind manche Eltern auch ein wenig traurig, dass die Kinder jetzt erwachsen geworden sind, dass sie ihre eigenen Wege gehen und von zu Hause weggehen. Einige elterliche Wohnungen werden leerer werden. Aber darüber sprechen die Erwachsenen nicht so offen. Da muss
halt jeder mit sich selber klar kommen. Psychologen weisen immer wieder darauf hin, dass wir Dinge viel zu schnell abschließen müssen. Der Fortschrittsgedanke hat sich bis in unsere Privatsphäre gedrängt: wenn etwas vorbei ist, dann nur keine Zeit verlieren, sondern gleich ran an die nächste Aufgabe. Keine Zeit verschwenden mit Nachdenken. Abhaken, was vorbei ist, und gleich wieder ins kalte Wasser springen. Es muss ja weiter gehen. Wir stehen unter großem Druck, denn die Globalisierung, der Innovationsdruck, die beschleunigte Weltwirtschaft dulden keine Pausen. Und dennoch tauchen irgendwo im Hintergrund immer wieder Fragen auf: wer bin ich denn in diesem großen Getriebe der Welt, das immer schneller läuft? Kann ich so einfach etwas hinter mir lassen und ins Neue springen. Was mache ich mit meinen Gefühlen: wenn ich spüre, dass mich ein Abschied traurig macht, dass ich Angst habe vor dem Neuen? Die Psychologen versuchen, die Reaktionen der Menschen zu verstehen und erfinden dabei neue Ausdrücke wie: Verlustdepressionen, Umzugsdepressionen und Entwurzelungsdepressionen. Das
klingt alles schrecklich krankhaft, aber hinter diesen Ausdrücken steht die ganz
einfache Erfahrung: Der Zeitforscher Karlheinz Geißler beschreibt das so: „Werden die Abschiede, die Trennungen, die Verluste nicht ´verschmerzt´, bleibt dieser Schmerz eingedickt zurück und verstellt als seelischer Pfropfen den Zugang zu einer anderen Realität mit neuen Möglichkeiten…Das vom Zeitdruck verkürzte Ende führt schließlich zu gefährlichen Illusionen beim wieder Anfangen. Wer nicht traurig sein darf, kann nicht fröhlich sein.“ Die Zeit der Ferien und des Urlaubs kann eine Möglichkeit sein, ohne Zeitdruck einmal zu überprüfen, was mich in meiner Seele und in meinem Herzen bewegt. Eine biblische Erzählung des heutigen Sonntags bündelt die Erfahrungen, die wir in unserem Alltag machen, in einer bemerkenswerten Erzählung: Jesus hat gerade mit fünf Broten und zwei Fischen fünftausend Menschen satt bekommen. Danach geschieht Folgendes: Jesus forderte die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrieen vor Angst. Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn. Dass es in dieser Erzählung ums Loslassen geht, spürt man schon in den ersten Sätzen. Die Jünger haben viel erlebt mit Jesus, ein Wunder nach dem anderen. Sie haben die Gleichnisse gehört, die Jesus erzählt und sie sind noch ganz betroffen von dem Erlebnis der Brotvermehrung. Aber jetzt schickt Jesus die Jünger weg. Er selbst zieht sich in die Einsamkeit zurück. Es wird Nacht und in der Nacht steigen Ängste auf. Das Boot schwankt hin und her und sie haben Gegenwind. Das was äußerlich geschieht, kann man sich auch als inneren Vorgang vorstellen. Die Jünger fragen sich: was wird aus uns werden. Sie sind verunsichert, sie wissen nicht, welche Rolle sie in dem ganzen Geschehen um Jesus haben. Sie spüren den Gegenwind, Johannes der Täufer ist kurz zuvor enthauptet worden. Droht ihnen etwas Ähnliches? Sie würden das, was sie mit Jesus erleben, gerne festhalten, es ist so gut, in seiner Nähe zu sein und sein wunderbares Wirken an den Menschen zu sehen. Aber jetzt ist er nicht bei ihnen und sie spüren, wie unsicher sie das macht. Sie würden ihn gerne festhalten und werden traurig, weil sie spüren, dass das nicht geht. Die psychologischen Begriffe Verlustdepression und Umzugsdepression würden hier gut passen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird Jesus ihnen klar sagen, dass er umgebracht werden wird. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird er nach Jerusalem aufbrechen. Und Petrus wird protestieren, nein das darf nicht geschehen. Wir werden dich nicht loslassen. Und jetzt erscheint Jesus, und wer grade vor sich hinträumt und sich seinen Ängsten hingibt, der erschrickt. Müssen die Jünger eine Angst gehabt haben, dass sie Gespenster sehen. Jesus kann sie nur mühsam beruhigen. Und dann, wie so oft, ergreift Petrus die Initiative und springt in kalte Wasser. Er gibt die Sicherheit des Bootes auf und schon ist er im Wasser, ohne zu überlegen, was da passieren könnte. Jesus hat es ihm ja befohlen, dass er auf dem Wasser gehen soll. Aber dieser Befehl bringt nichts, wenn Petrus nicht selbst das Vertrauen in sich hat, dass der, auf den er sich verlassen will, ihn auch wirklich nicht untergehen lässt. Petrus zweifelt, Gedanken steigen auf: schaffe ich das, was denken die anderen im Boot, er schaut nicht mehr auf Jesus, sondern spürt plötzlich die Tiefe des Wassers unter sich. Er hat sich was getraut, aber jetzt bricht die Panik aus und er hat nicht die Kraft und das Vertrauen in sich, die nötig sind, um sich über Wasser halten zu können. Die Szene spielt auf dem Wasser und bringt in diesem Bild die tiefe Angst zum Vorschein, dass wir untergehen können. Das Vergangene betrauern, loslassen, was nicht zu halten ist, und ins Neue springen, ohne Absicherung: das sind die drei inneren Bewegungen, die wir bei allen Übergängen des Lebens machen müssen. Es kann im äußeren Leben nichts weitergehen und gut werden, wenn wir diese inneren Bewegungen nicht machen. Diese Szenerie zeigt also in einer dramatischen Begebenheit, was wir schon festgestellt haben: wenn etwas zu Ende geht und ich kann es nicht betrauern, dann kann ich nicht wirklich loslassen. Wenn ich nicht loslassen kann, bleibt etwas in meiner Seele zurück, das mich auf Dauer belastet oder krank macht. Dann fehlt mir die Kraft, die ich für neue Aufgaben bräuchte. Und wenn mir Kraft fehlt, dann werde ich unsicher und bekomme Angst. Ich suche nach etwas, an dem ich mich festhalten kann. Und wenn ich nichts finde, bekomme ich das Gefühl unterzugehen. Die
Erzählung vom Gang des Petrus auf dem Wasser hat neben der psychologischen
natürlich noch eine spirituelle Dimension. Wenn er sich nun zurückzieht und betet, dann macht er sich an einer größeren Kraft fest. Er wird weinen und mit Gott über seine Trauer sprechen. Und er wird um die Kraft bitten, die er für die kommende Zeit braucht. Wenn am Ende die Jünger bekennen: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn, dann drücken sie damit aus, dass sie diese Kraft Gottes in Jesus spüren. Vor einigen Jahren hat ein Karikaturist die Szene vom Gehen über das Wasser so dargestellt: ein bekiffter Jesus in Hippiemontur surft freudestrahlend über das Wasser. Diese Darstellung hat viele Proteste ausgelöst. Aber eigentlich trifft sie nicht den Kern der Erzählung. Denn nicht Jesus ist hier so zu sagen „high“, sondern Petrus. Was Petrus erlebt hat mit Jesus, hat ihn so angestachelt, dass er alles ausprobieren will, vielleicht hält er sich selbst für unverwundbar. Er verhält sich wie ein unvorsichtiges Kind, wie ein unbedarfter, spontaner Jugendlicher. Und
muss plötzlich feststellen, dass er ein ängstlicher Erwachsener ist. Manchmal sind wir wie Kinder: wir sehen Gespenster, plötzlich bricht eine Panik aus, wir könnten unser Leben nicht meistern. Wie bei den Jüngern auf dem Boot, bläst uns der Wind ins Gesicht und die Sorgen des Alltags werfen uns hin und her. Die Zukunft sieht so bedrohlich aus, dass wir nur noch schreien möchten. Jesus antwortet: hab Vertrauen, fürchte dich nicht, denn du kannst dich nicht an dein Boot festklammern. Der Weg über´s Wasser in die Unsicherheit bleibt dir nicht erspart. Und dann springe ich einfach, ohne vorher zu überlegen. Ich mach das jetzt, früher habe ich auch nicht lange nachgedacht. Irgendwie wird es schon gut gehen. Und Jesus sagt: komm, trau dich, spring! Aber du darfst dich nicht ablenken lassen. Nicht von dem, was die anderen sagen und denken, und nicht von den Stimmen in dir, die dich verunsichern können. Behalte dein Ziel fest im Auge. Aber dann sehe ich die Wellen, die Gischt, den Sturm um mich herum. Und jetzt gibt es nichts mehr, woran ich mich festhalten kann. Ich merke wie ich untergehe. Ich hätte es wissen müssen, ich kenne doch das Leben, ich weiß doch, was alles schief gehen kann. Und dann kommt die Frage Jesu: warum zweifelst du, warum fällst du auseinander in zwei Menschen, in einen, der sich traut, und in einen, der wieder zurückschreckt? Suche in dir, ob es irgendwo in deinem Herzen ein klein wenig Glaube und Vertrauen gibt, denn nur, wenn du vertrauen kannst, kannst du wirklich loslassen. Der berühmte Bischof Basilius der Große wurde im 4. Jahrhundert von kaiserlichen Beamten bedrängt. Sie drohten ihm, dass sie ihm all sein Vermögen wegnehmen, ihn foltern und dann töten würden. Basilius fragte die Beamten: „Sonst nichts?“ Und er fügte hinzu: „Von all dem trifft mich nicht eines. Wer nichts besitzt, dessen Güter können nicht eingezogen werden. Verbannung kenne ich nicht, denn ich bin überall auf Gottes Erde zu hause. Folter kann mir nichts anhaben, denn der Tod bringt mich schneller zu Gott. Die Beamten blickten einander erstaunt an und sagten: „So hat noch keiner mit uns gesprochen.“ Unser Leben scheint so zu sein, dass wir immer wieder entscheiden müssen, wann wir loslassen müssen, um uns auf etwas Neues einzulassen und wo wir uns festhalten können, um Kraft und Sicherheit zu gewinnen. Am schwierigsten scheint es zu sein, das los zu lassen, was wir bereits erreicht haben.
Sprecherin: Er zerrte mit aller Kraft, aber seine Hand bewegte sich nicht mehr. Da kam ein alter Mann vorbei und bot sich an, ihm zu helfen: „Als Erstes musst du deinen Arm wieder ganz in den Krug hinein schieben“, sagte der Alte. Der Mann antwortete aufgeregt: „Bist du verrückt. Ich bin froh, dass ich es so weit geschafft habe.“ Aber der Alte blieb hartnäckig: „Tu, was ich dir gesagt habe!“, antwortete er ruhig. Der Mann schob also den Arm zurück in den Krug. Dann fuhr der Alte fort: „Und jetzt lass die Nüsse los und dann machst du deine Hand ganz schmal und ziehst sie heraus!“ Der Mann tat, was ihn der Alte geheißen und schließlich konnte er die Hand wieder aus dem Krug heraus ziehen. Dann nahm der Alte den Krug, drehte ihn um und ließ die Nüsse in die Hände des Mannes fallen. Lasset
uns beten:
Erneuere mein Herz,
Herr,
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