Katholische Morgenfeier am 31.08.2008/Bayern1Radio Sprecherin: Diese Empfehlungen, liebe Hörerinnen und Hörer, klingen wie gute Ratschläge für den Urlaub. Wenn nicht jetzt, in der Urlaubszeit, wann dann hätten wir Zeit und Gelegenheit, einmal etwas für uns selbst zu tun. Die Empfehlungen dazu stammen aber nicht aus einem Buch in der modernen Ratgeber-Ecke. Es sind weise Worte des Heiligen Bernhard von Clairvaux aus dem 12. Jahrhundert. Bernhard hatte wohl beobachtet, dass Menschen dazu neigen, sich ganz von ihren Aufgaben und Verpflichtungen in Anspruch nehmen zu lassen. Und zwar so weit, dass sie dabei sich selbst völlig vergessen. Es klingt sehr modern, wenn Bernhard deshalb von „occupationes“ spricht, von Besetzungen. Die Ansprüche des Lebens und der Gesellschaft können einen Menschen so in den Würgegriff nehmen, dass keine Luft zum Atmen mehr bleibt. Heute sagen wir: wer keine Freiräume hat, der wird bald von seiner Arbeit aufgezehrt und innerlich ausgebrannt sein. Nun kann man sich fragen, warum es so schwierig ist, gut zu sich selbst zu sein. Es wird ja oft behauptet, gerade die Menschen in der modernen Wohlstandswelt seien egoistisch und würden nur an sich selbst denken. Aber vielleicht ist der Egoismus nur eine Flucht vor der inneren Leere. In Umfragen in den Fußgängerzonen werden Passanten jedes Jahr interviewt und gefragt, wie sie ihren Urlaub verbringen. Und viele sagen, dass sie sich im Urlaub ablenken wollen, dass sie es nicht aushalten könnten, still zu Hause zu sitzen und gar nichts zu tun. Vielleicht deshalb, weil man in der Stille sich selbst plötzlich spürt. Und dann feststellt, dass man das gar nicht aushalten kann. Wer bin ich denn, und was soll ich mit mir anfangen, wenn ich einmal keine Arbeit und keine Verpflichtungen habe. Darf ich das überhaupt? Wir erleben es tagtäglich, dass wir nur dann etwas wert sind, wenn wir bestimmte Ansprüche erfüllen und Leistungen bringen. Die Kinder lernen schon früh in der Schule, dass nur der angesehen ist und eine berufliche Zukunft hat, der den hohen Ansprüchen der Arbeitswelt genügt. Aber auch wenn man sich im Beruf anstrengt, ist das keine Garantie dafür, dass nicht irgendwann der Arbeitsplatz verloren geht. Viele ältere Arbeitnehmer sind „entsorgt“ worden, weil man die Jüngeren bevorzugt hat. Auch als Eltern muss man sich in den Medien fast täglich anhören, dass die Kinder heute falsch erzogen werden, dass Eltern noch mehr tun müssen für ihren Nachwuchs. Und wenn man religiös erzogen wurde, spürt man immer wieder die Gedanken aufsteigen, ob man mit den eigenen Fehlern und Unzulänglichkeiten vor einer höheren, göttlichen Instanz wohl gut dastehen könnte. Es ist also verständlich, wenn wir aus diesem Bewertungszwang entfliehen wollen. Manche Menschen merken aber auch, dass sie diesen ganzen Seelenbalast mit in die Erholungszeit nehmen. Selbst wenn ich in Neuseeland Urlaub mache, nehme ich die Ansprüche, die im Alltag gestellt werden, mit. Urlaub ist dann eine schöne Ablenkung, aber noch keine wirkliche Erholung. Ich finde es deshalb lohnenswert zu hören, wie Bernhard von Clairvaux seine Gedanken begründet: Wie kannst du voll und echt Mensch sein, wenn du dich selbst verloren hast? Auch du bist ein Mensch. Damit deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Denn, was würde es dir sonst nützen, wenn du alle gewinnen, aber als einzigen dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig du selbst nichts von dir haben? Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selbst? Bist du nicht jedem fremd, wenn du dir selbst fremd bist? Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denke also daran, Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht: tu das immer; ich sage nicht: tu das oft; aber ich sage: tu es immer wieder einmal. Wenn man diese Gedanken weiterdenkt, könnte man sagen: was wäre, wenn ich am Ende meines Lebens feststellen würde: ich habe alle Pflichten treu erfüllt, ich bin ein anständiger Mensch gewesen; niemand kann sich über meine Leistungen beklagen. Aber, aber: ich weiß gar nicht, wer ich bin, ich habe gar nicht gelebt. Wenn ich all meine Lebensleistungen wegnehme, ist da eine große Leere in mir. Und ich müsste mich vom heiligen Bernhard fragen lassen: was hast du jetzt gewonnen? Einen Platz im Himmel der Anständigen? Der heilige Bernhard sieht seine Lebensratschläge natürlich auf dem Hintergrund des biblischen Gebotes, dass die Liebe zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst eine Einheit sein muss. Und er denkt sicher auch daran, dass wir in allem, was wir tun, eine Hoffnung für die Zukunft in die Welt sähen können. Nicht das Abarbeiten von vorgegebenen Pflichten verändert die Welt. Sondern die Liebe. Und nur der kann lieben, der sich selbst annehmen kann. In einem Lied des Ensembles „Entzücklika“ heißt es: Glaube und Hoffnung und Liebe mögen nie aus meinem Herzen weichen, damit ich am Ende sagen kann: ich hab gelebt. Die Tradition der Mönche, aus der auch der heilige Bernhard kommt, hat schon immer den Schwerpunkt auf die Pflege des inneren Menschen gelegt. Bis heute legen die Mönche nicht so viel Wert auf das Äußere. Auch das kann ein wichtiger Anstoß für uns moderne Menschen sein. Denn wir legen sehr viel Wert auf das Äußere. Wir sind stolz, wenn wir braun gebrannt aus dem Urlaub kommen. Wir geben Milliarden aus für Pflegeprodukte. Ein gepflegtes Äußeres ist zwar wichtig, und die Sonnenstrahlen des Sommers sind gut für unseren Körper. Aber wir sind in der Gefahr, unseren Wert als Person vom äußeren Erscheinungsbild abhängig zu machen. Auch hier passen wir uns schnell gesellschaftlichen Normen an und versuchen, nach außen perfekt zu erscheinen. Bernhard empfiehlt uns, dass wir für uns selbst ein aufmerksames Herz haben. Das heißt: ich muss mein Herz pflegen. Ein vollkommener Mensch im Sinne des heiligen Bernhard ist einer, der sich selbst lieben kann und sich deshalb auch verschenken kann. Und dazu muss ich mich selbst kennen. Ich muss mir Zeit nehmen, um zu erspüren, wer ich eigentlich bin. Denn sonst kann ich nichts verschenken, weil ich nichts habe, weil ich mich nicht habe. In unserer modernen Welt gilt äußere Perfektion als Ausdruck meines Wertes. Für Bernhard ist der perfekte Mensch der liebende Mensch. Wahre Schönheit ist nicht glatte Haut mit viel Schminke darauf. Wahre Schönheit entsteht in der herz-lichen Begegnung zwischen den Menschen. In einem seltsamen Land, in dem die Menschen ihr Herz sehen konnten, prahlte auf dem Marktplatz ein junger Mann damit, dass er das schönste Herz im ganzen Land habe. Die Menschen bewunderten alle sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten.
Plötzlich tauchte ein alter Mann auf und sagte: "Nun, dein Herz ist nicht mal
annähernd so schön, wie meines." Die Menschenmenge und der junge Mann schauten
das Herz des alten Mannes an. Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte: "Du musst scherzen", sagte er, "dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen." "Ja", sagte der alte Mann, „deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen, und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde. Und ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist? Eine Frage gilt es noch zu
klären: woher soll ich denn die Liebe für mich selbst nehmen? Habe ich denn das
Recht, gut zu mir selbst zu sein. Eine Antwort auf diese Fragen können wir im Psalm 139 finden. In diesem Gebet wendet sich ein einzelner Mensch an Gott. Es geht hier nicht um die anderen, sondern darum, einmal nur sich selbst wahr zu nehmen. Wer bin ich denn aus der Sicht Gottes? Hat Gott überhaupt je einen Gedanken an mich verschwendet? Und der Psalm antwortet: Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir. Von fern erkennst du meine Gedanken. Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt; du bist vertraut mit all meinen Wegen.
Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge, du, Herr, kennst es bereits. Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich. Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen. Wir hören hier, dass Gott viel Mühe gibt mit jedem einzelnen Menschen. Gott erforscht mich, das heißt: er nimmt sich Zeit, um mich kennen zu lernen. Gott macht sich vertraut mit mir und er umgibt mich ganz. Das will ich so schnell gar nicht annehmen, das kann ich nicht begreifen, dass ich so wichtig sein soll für Gott. Da steht nun nichts davon, dass Gott mich erschaffen hat und mit Geboten und Verboten ausgestattet, einfach losschickt. Gott nimmt sich Zeit für mich, warum sollte ich mir dann keine Zeit für mich nehmen dürfe?
Der Psalm
fährt fort: wohin mich vor deinem Angesicht flüchten? Steige ich hinauf in den Himmel, so bist du dort; bette ich mich in der Unterwelt, bist du zugegen. Nehme ich die Flügel des Morgenrots und lasse mich nieder am äußersten Meer, auch dort wird deine Hand mich ergreifen und deine Rechte mich fassen.
Würde ich sagen: «Finsternis soll mich bedecken, statt Licht soll Nacht mich umgeben», auch die Finsternis wäre für dich nicht finster, die Nacht würde leuchten wie der Tag, die Finsternis wäre wie Licht.
Mit dieser Stelle hatten schon viele Menschen ihre Probleme, weil es so klingt, als wenn Gott als großer Aufpasser ständig hinter mir her ist. Manche Menschen fühlen sich von Gott verfolgt, wie Bürger sich in totalitären Staaten von dubiosen Geheimdiensten verfolgt glauben. Ich verstehe diese Stelle so, dass es nichts bringt, wenn ich versuche, mich vor mir selbst zu verstecken. Nur nicht in den Spiegel schauen, nur nicht darüber nachdenken, wie unmöglich ich oft bin. Es bringt nichts. Der Psalmbeter macht mir klar, dass ich nicht vor mir selber davonlaufen kann, weil ich vor Gott nicht weglaufen kann. Und der hat immer Interesse an mir, er geht mir nach, um mich zu erforschen und zu begreifen. Warum sollte ich dann vor mir weglaufen, wenn da einer ist, der sagt: bleib stehen, schau dich an. Und jetzt kommt die schönste Stelle für mich, wenn es heißt:
Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke. Als ich geformt wurde im Dunkeln, kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde, waren meine Glieder dir nicht verborgen.
Deine Augen sahen, wie ich entstand, in deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war.
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne mein Denken. Sieh her, ob ich auf dem Weg bin, der dich kränkt, und leite mich auf dem altbewährten Weg! Gott sagt: bleib stehen, flüchte nicht vor dir, sondern schau dich selbst an: ich habe mir so viel Mühe gegeben, dich zu erschaffen, habe ein Kunstwerk aus dir gemacht, das ich immer wieder neugierig anschaue. Ich glaube, dass dies ein ungewöhnlicher Gedanke ist, sich vorzustellen, dass Gott mich immer wieder prüfend und neugierig ansieht. Nicht weil er nach meinen Fehlern sucht, die kennt er. Sondern weil er mich anregen will, dass ich mich selbst immer wieder prüfe. Dass ich neugierig und offen bleibe für die Möglichkeiten, die noch in mir stecken. Und dann kann ich erahnen, was der Heilige Bernhard sagen wollte mit seinem Rat: „Es ist gut und tut gut, auch für sich selbst ein aufmerksames Herz zu haben. Es ist gut und tut gut, auch sich selbst nicht fremd zu sein. Es ist gut und tut gut, auch zu sich selbst gut zu sein. Es ist gut und tut gut, auch für sich selbst da zu sein.“ Ich darf mich also aufrichten und nach oben strecken, Gott entgegen, der mir Licht für mein Inneres gibt. In seinem Licht bin ich unendlich wertvoll. Auch wenn ich oft selbst an mir zweifle, darf ich immer wieder zu Gott kommen und sagen: aber du hast mich doch erschaffen….du kennst mich doch….hilf mir, dass ich zu mir selber stehen kann. Dann wächst mein Gebet wie ein Baum zum Himmel und zur göttlichen Sonne hin, wie es im Lied des Ensembles „Entzücklika“ heißt: Mein Gebet wächst wie ein Baum zum Himmel sich reckt, zum Lichte hin. In sich ruhen. Ein Lebenstraum. Und den Platz ausfüllend für andere Lebensraum. Wurzeln schlagen. Ein Lebenstraum. Über sich hinauswachsend für andere Lebensraum. Jeder Wachstumsschritt ist einer zum Lichte hin. Ich habe Licht aufgenommen für meine Nachkommen und Erben. Ich werde Licht schenken auch mit meinem Sterben. Ich wünsche Ihnen eine erholsame Zeit für Leib und Seele und den Segen des freundlichen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
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