Gedanken zum Nachdenken - Auf ein Wort - Fastenzeit / 1

St. Severin Garching

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Gedanken zum Nachdenken - Auf ein Wort
von Pastoralreferent Dietmar Rebmann

Thema: Speziell zur Fastenzeit / 1

Auf ein Wort .....

Blamage
Die Kandidatin schaut zu Günther Jauch hinüber. Wer wird Millionär: wir sind bei der 500 Euro-Frage: welches Ministeramt hat der Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland?
Die Kandidatin wird nervös. Wer ist nur der Vizekanzler und wie heißen die ganzen anderen Minister in der Regierung? Eigentlich sieht man die fast jeden Abend irgendwo in den Nachrichten. Aber auf dem Sessel von Günther Jauch kann man schon mal die einfachsten Dinge durcheinander bringen. Es gehört viel Mut dazu, sich hierher zu setzen. Millionen Menschen schauen zu, und man kann sich so wahnsinnig blamieren.
Wenn ich mich dumm anstelle und etwas nicht weiß, möchte ich in den Boden versinken. Das war schon in der Schule die absolute Katastrophe. Ich werde etwas gefragt, ein Mitschüler murmelt: ist doch einfach, der Lehrer drängelt: na, das wirst Du doch wissen!
Und die Mädels in der Klasse kichern und ich wäre so gerne ganz cool gewesen, aber jetzt könnte ich mich in die letzte Ecke verkriechen.
Wenn man sich blamiert und vor den Augen der anderen versagt, dann bekommt man tief innen das Gefühl, wertlos zu sein.
In einem Gebet heißt es: Gott, in deinen Augen bin ich unendlich wertvoll. Diesen Satz spreche ich manchmal leise vor mich, wenn ich nervös werde und Angst habe zu versagen. Und ich denke mir: ich bin so wie ich bin und tue das, was ich kann, wenn das Gott genügt, genügt es mir auch.  

Katastrophen-Fasten
Mach´s nicht schlimmer, als es ist, reg dich nicht so auf, sagt meine Sohn. Er kann nicht verstehen, warum ich zur Unordnung in seiner Schultasche „Katastrophe“ gesagt habe. Warum sagst du immer und zu allem: „Es ist eine Katastrophe“, will er wissen. Ich habe letzte Nacht wieder einmal einen schrecklichen Blödsinn geträumt. Irgendwelche vermummten Gestalten sind ins Haus eingedrungen und haben alles zerstört. Da haben wohl die Fernsehberichte aus einigen Katastrophen- und Kriegsgebieten noch nachgewirkt und mich in meine Träume verfolgt. Ich schaue regelmäßig Nachrichten und Berichte von den Krisenherden in dieser Welt. Ich möchte wissen, was los ist, auch wenn ich nichts dagegen tun kann.
Aber manchmal wird es vielleicht zuviel.
Ich befürchte nämlich, dass sich die Bilder von den Brandherden dieser Welt schneller und tiefer in mir eingraben, als mir bewusst ist. Ich sehe die Bilder von Terror und Zerstörung und glaube irgendwann, dass das ganze Leben, auch meines, eine Katastrophe ist. Und über jede Kleinigkeit, rege mich dann auf.
Deshalb habe ich mir vorgenommen, in einer Woche der Fastenzeit keine Berichte, Nachrichten oder Reportagen anzuschauen. Ich werde auch keine Zeitung lesen. Noch nicht einmal die Überschriften und Schlagzeilen. Ich möchte versuchen, ein bisschen Abstand zu gewinnen. „Katastrophen – Fasten“ könnte man es nennen.
Mach´s nicht schlimmer, als es ist. Für diesen Satz bin ich meinem Sohn dankbar.

Kaffeegespräch
Ich sitze mit meiner Mutter in einem Café. Wir haben uns schon länger nicht mehr gesehen und machen uns einen gemütlichen Nachmittag. Sie erzählt von den Verwandten und Freunden und was alles so im Dorf passiert ist in den letzten Wochen. Und wie viele ältere Menschen, erzählt sie auch gerne von früher: wie das war, als sie geheiratet hat und Mutter wurde. Was sie mit mir alles erlebt hat und dass sie doch eine gute Mutter sein wollte.Nach einer kleinen Pause sagt sie: Na ja, ich glaube ich habe auch viel falsch gemacht. Ich wollte dich zu einem anständigen Jungen erziehen, da war ich manchmal auch sehr hart. Sie sagt es ganz ruhig. Sie ist weder traurig, noch will sie eine Antwort von mir.Im ersten Moment weiß ich nicht, was ich sagen soll. So einigen Ärger über meine Eltern trage ich schon lange mit mir herum. Mit meinem Bruder habe ich schon oft über die in unseren Augen unmöglichen Erziehungsmethoden unserer Eltern gesprochen. Früher haben wir mit ihnen gestritten und diskutiert, und wie Eltern oft sind, wollten sie immer Recht behalten.Dass meine Mutter jetzt so einfach sagen kann: ich habe viele Fehler gemacht, das beeindruckt mich. Sie will sich nicht entschuldigen. Sie sagt auch nicht: könnte ich doch alles rückgängig machen. Sie schaut ganz ruhig zurück und lässt alles so, wie es war.
Ich hoffe, dass ich das zu meinen Kindern auch einmal sagen kann: ich habe viele Fehler gemacht, und ich lasse es so, wie es war.

Kinderwunsch
Ich glaube ich will mal keine Kinder, also das muss ich mir noch überlegen. Meine Tochter sitzt neben mir und will wissen, was ich da alles schreibe und welche Fragebögen ich da ausfülle: Kindergeldkasse, Krankenkasse, Bestätigungen für den Arbeitgeber, Steuererklärung, Versicherungen. Ich habe auf dem Esstisch alles ausgebreitet, was es demnächst zu erledigen gibt. Meine Tochter schüttelt den Kopf über die vielen Belege, die ich der Kindergeldkasse einreichen muss. Wenn das so viel Bürokratie ist, muss ich mir das noch überlegen, ob ich Kinder kriege, sagt sie.Ich will schon entgegnen: aber Kinder zu haben ist doch etwas so Schönes, aber ich glaube, das will sie gar nicht hören. Als Neunzehnjährige beschäftigt sie das sehr, wie sie ihre Zukunft gestalten will. Und sie hört die Diskussionen in der Politik, dass es zu wenig Kinder gibt, dass man Eltern entlasten muss und finanzielle Anreize für´s Kinderkriegen schaffen will. Aber vielleicht sind alle Zukunftsplanungen der Gesellschaft nicht hilfreich, wenn man nichts in der Gegenwart tut. Wenn Eltern überlastet sind, spüren das die Kinder. Und die Kinder von heute, sind die Eltern von morgen.
Ich hoffe, dass ich einmal Enkelkinder haben werde. Und ich hoffe, dass meine Kinder gerne Eltern sein werden, auch ohne finanzielle Anreize und trotz aller Bürokratie. 

Thales von Milet
Die erste Hälfte der Fastenzeit ist schon vorbei und ich habe noch nicht viel erreicht. Ich stehe in der Buchhandlung vor einem großen Regal mit spirituellen Ratgebern, die mich alle auffordern, etwas zu tun: Lass deine Seele aufatmen, entdecke deine Bestimmung, befrage die Sterne, lebe ganzheitlich, brich auf zu neuen Horizonten. Aber wo soll ich anfangen? Entnervt gehe ich wieder hinaus. Irgendwo in meinem Hinterkopf höre ich eine Stimme: du solltest dein ganzes Leben umkrempeln. Ich könnte ja wirklich viel verändern. Ich habe schon viele Pläne gemacht, wollte mich mit den Sinnfragen des Lebens viel intensiver beschäftigen. Ich spüre den Druck, aus meinem Leben noch etwas Besonderes zu machen. Und ich teile sicher mit vielen Menschen den Wunsch, nach den Sternen zu greifen.
Aber vielleicht ist das auch gefährlich, und es geht mir wie Thales von Milet.
Der erste griechische Philosoph war fasziniert vom Sternenhimmel. Er war geradezu besessen davon, seinen Blick nach oben zu richten, erzählt Sokrates. Einmal schaute er so gebannt in den Abendhimmel, dass er stolperte und in einen Brunnen fiel. Als er wieder herauskletterte, stand am Brunnenrand eine Magd und kriegte sich nicht mehr ein vor Lachen: „Du willst herausfinden, was im Himmel ist, und siehst nicht einmal, was vor dir liegt zu deinen Füßen.“

Dietmar Rebmann, PR

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