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Auf ein Wort .....
Blamage
Die Kandidatin schaut zu Günther Jauch hinüber. Wer wird Millionär: wir
sind bei der 500 Euro-Frage: welches Ministeramt hat der Vizekanzler der
Bundesrepublik Deutschland?
Die Kandidatin wird nervös. Wer ist nur der Vizekanzler und wie heißen die
ganzen anderen Minister in der Regierung? Eigentlich sieht man die fast jeden
Abend irgendwo in den Nachrichten. Aber auf dem Sessel von Günther Jauch kann
man schon mal die einfachsten Dinge durcheinander bringen. Es gehört viel Mut
dazu, sich hierher zu setzen. Millionen Menschen schauen zu, und man kann sich
so wahnsinnig blamieren.
Wenn ich mich dumm anstelle und etwas nicht weiß, möchte ich in den Boden
versinken. Das war schon in der Schule die absolute Katastrophe. Ich werde etwas
gefragt, ein Mitschüler murmelt: ist doch einfach, der Lehrer drängelt: na, das
wirst Du doch wissen!
Und die Mädels in der Klasse kichern und ich wäre so gerne ganz cool gewesen,
aber jetzt könnte ich mich in die letzte Ecke verkriechen.
Wenn man sich blamiert und vor den Augen der anderen versagt, dann bekommt man
tief innen das Gefühl, wertlos zu sein.
In einem Gebet heißt es: Gott, in deinen Augen bin ich unendlich wertvoll.
Diesen Satz spreche ich manchmal leise vor mich, wenn ich nervös werde und Angst
habe zu versagen. Und ich denke mir: ich bin so wie ich bin und tue das, was ich
kann, wenn das Gott genügt, genügt es mir auch.
Katastrophen-Fasten
Mach´s nicht schlimmer, als es ist, reg dich nicht so auf, sagt meine
Sohn. Er kann nicht verstehen, warum ich zur Unordnung in seiner Schultasche
„Katastrophe“ gesagt habe. Warum sagst du immer und zu allem: „Es ist eine
Katastrophe“, will er wissen. Ich habe letzte Nacht wieder einmal einen
schrecklichen Blödsinn geträumt. Irgendwelche vermummten Gestalten sind ins Haus
eingedrungen und haben alles zerstört. Da haben wohl die Fernsehberichte aus
einigen Katastrophen- und Kriegsgebieten noch nachgewirkt und mich in meine
Träume verfolgt. Ich schaue regelmäßig Nachrichten und Berichte von den
Krisenherden in dieser Welt. Ich möchte wissen, was los ist, auch wenn ich
nichts dagegen tun kann.
Aber manchmal wird es vielleicht zuviel.
Ich befürchte nämlich, dass sich die Bilder von den Brandherden dieser Welt
schneller und tiefer in mir eingraben, als mir bewusst ist. Ich sehe die Bilder
von Terror und Zerstörung und glaube irgendwann, dass das ganze Leben, auch
meines, eine Katastrophe ist. Und über jede Kleinigkeit, rege mich dann auf.
Deshalb habe ich mir vorgenommen, in einer Woche der Fastenzeit keine Berichte,
Nachrichten oder Reportagen anzuschauen. Ich werde auch keine Zeitung lesen.
Noch nicht einmal die Überschriften und Schlagzeilen. Ich möchte versuchen, ein
bisschen Abstand zu gewinnen. „Katastrophen – Fasten“ könnte man es nennen.
Mach´s nicht schlimmer, als es ist. Für diesen Satz bin ich meinem Sohn dankbar.
Kaffeegespräch
Ich sitze mit meiner Mutter in einem Café. Wir haben uns schon länger
nicht mehr gesehen und machen uns einen gemütlichen Nachmittag. Sie erzählt von
den Verwandten und Freunden und was alles so im Dorf passiert ist in den letzten
Wochen. Und wie viele ältere Menschen, erzählt sie auch gerne von früher: wie
das war, als sie geheiratet hat und Mutter wurde. Was sie mit mir alles erlebt
hat und dass sie doch eine gute Mutter sein wollte.Nach einer kleinen Pause sagt
sie: Na ja, ich glaube ich habe auch viel falsch gemacht. Ich wollte dich zu
einem anständigen Jungen erziehen, da war ich manchmal auch sehr hart. Sie sagt
es ganz ruhig. Sie ist weder traurig, noch will sie eine Antwort von mir.Im
ersten Moment weiß ich nicht, was ich sagen soll. So einigen Ärger über meine
Eltern trage ich schon lange mit mir herum. Mit meinem Bruder habe ich schon oft
über die in unseren Augen unmöglichen Erziehungsmethoden unserer Eltern
gesprochen. Früher haben wir mit ihnen gestritten und diskutiert, und wie Eltern
oft sind, wollten sie immer Recht behalten.Dass meine Mutter jetzt so einfach
sagen kann: ich habe viele Fehler gemacht, das beeindruckt mich. Sie will sich
nicht entschuldigen. Sie sagt auch nicht: könnte ich doch alles rückgängig
machen. Sie schaut ganz ruhig zurück und lässt alles so, wie es war.
Ich hoffe, dass ich das zu meinen Kindern auch einmal sagen kann: ich habe viele
Fehler gemacht, und ich lasse es so, wie es war.
Kinderwunsch
Ich glaube ich will mal keine Kinder, also das muss ich mir noch
überlegen. Meine Tochter sitzt neben mir und will wissen, was ich da alles
schreibe und welche Fragebögen ich da ausfülle: Kindergeldkasse, Krankenkasse,
Bestätigungen für den Arbeitgeber, Steuererklärung, Versicherungen. Ich habe auf
dem Esstisch alles ausgebreitet, was es demnächst zu erledigen gibt. Meine
Tochter schüttelt den Kopf über die vielen Belege, die ich der Kindergeldkasse
einreichen muss. Wenn das so viel Bürokratie ist, muss ich mir das noch
überlegen, ob ich Kinder kriege, sagt sie.Ich will schon entgegnen: aber Kinder
zu haben ist doch etwas so Schönes, aber ich glaube, das will sie gar nicht
hören. Als Neunzehnjährige beschäftigt sie das sehr, wie sie ihre Zukunft
gestalten will. Und sie hört die Diskussionen in der Politik, dass es zu wenig
Kinder gibt, dass man Eltern entlasten muss und finanzielle Anreize für´s
Kinderkriegen schaffen will. Aber vielleicht sind alle Zukunftsplanungen der
Gesellschaft nicht hilfreich, wenn man nichts in der Gegenwart tut. Wenn Eltern
überlastet sind, spüren das die Kinder. Und die Kinder von heute, sind die
Eltern von morgen.
Ich hoffe, dass ich einmal Enkelkinder haben werde. Und ich hoffe, dass meine
Kinder gerne Eltern sein werden, auch ohne finanzielle Anreize und trotz aller
Bürokratie.
Thales von Milet
Die erste Hälfte der Fastenzeit ist schon vorbei und ich habe noch nicht
viel erreicht. Ich stehe in der Buchhandlung vor einem großen Regal mit
spirituellen Ratgebern, die mich alle auffordern, etwas zu tun: Lass deine Seele
aufatmen, entdecke deine Bestimmung, befrage die Sterne, lebe ganzheitlich,
brich auf zu neuen Horizonten. Aber wo soll ich anfangen? Entnervt gehe ich
wieder hinaus. Irgendwo in meinem Hinterkopf höre ich eine Stimme: du solltest
dein ganzes Leben umkrempeln. Ich könnte ja wirklich viel verändern. Ich habe
schon viele Pläne gemacht, wollte mich mit den Sinnfragen des Lebens viel
intensiver beschäftigen. Ich spüre den Druck, aus meinem Leben noch etwas
Besonderes zu machen. Und ich teile sicher mit vielen Menschen den Wunsch, nach
den Sternen zu greifen.
Aber vielleicht ist das auch gefährlich, und es geht mir wie Thales von Milet.
Der erste griechische Philosoph war fasziniert vom Sternenhimmel. Er war
geradezu besessen davon, seinen Blick nach oben zu richten, erzählt Sokrates.
Einmal schaute er so gebannt in den Abendhimmel, dass er stolperte und in einen
Brunnen fiel. Als er wieder herauskletterte, stand am Brunnenrand eine Magd und
kriegte sich nicht mehr ein vor Lachen: „Du willst herausfinden, was im Himmel
ist, und siehst nicht einmal, was vor dir liegt zu deinen Füßen.“
Dietmar
Rebmann, PR
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