Radio-Impulse für Radio Horeb vom 18. Juli 2007

St. Severin Garching

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Im Bild:
Pfarrer Bodo Windolf,
St. Severin Garching
(bei der Firmung am 20.04.2007)

Radioimpuls vom 18. Juli 2007 
"
Ex 3,1-6.9-12 "

Impuls in Radio Horeb vom 18. Juli 2007
15. Woche i. J.
zu Ex 3,1-6.9-12 

Vor einigen Monaten erschien im „Spiegel“ ein Artikel, der über den Ursprung des jüdisch-christlichen Monotheismus handelte. In der dem „Spiegel“ leider oft eigenen unangemessenen Sprache, wenn es um religiöse und theologische Inhalte geht, wurde dort behauptet, dieser Ursprung liege in Ägypten, genauer bei jenem Pharao der 18. Dynastie, nämlich Echnaton, der von 1365-1347 v. Chr. regierte und in dieser kurzen Zeitspanne eine Art Monotheismus in Ägypten durchsetzte. Er erhob die Sonne unter dem Namen „Aton“ zum alleinigen Gott und verbot alle anderen Kulte und Mythen. Dieser ägyptische Monotheismus blieb allerdings eine kurze Episode, denn schon sein Nachfolger Tutenchamun stellte die alte polytheistische Religion wieder her. Cirka 100 Jahre später – der Auszug Israels aus Ägypten wird für etwa 1250 v. Chr. datiert – habe der Ägypter Moses diese Ideen Echnatons aufgegriffen und zur Religion Israels umgeformt.

Was in diesem Spiegelartikel, der im übrigen uralte Thesen wieder einmal neu aufwärmt, vollkommen übersehen wird, ist die Tatsache, dass der Monotheismus Israels von vollkommen anderer Art ist als der Echnatons und religionsgeschichtlich ohne jede Parallele. Aton, die Sonnenscheibe, ist und bleibt eine Naturgottheit, wie sie zu allen Zeiten der Menschheit in vielfacher Weise verehrt wurde. Die vielen Götter wurden von Echnaton beiseite geschoben bis auf einen in der Skala der bislang verehrten. In Israel aber werden restlos alle Götter der Völker abgetan, und man vertraut sich Einem Gott an, der mit einer Naturgottheit, die ja immer noch Bestandteil dieser unserer Welt ist, nichts, aber auch gar nichts gemein hat. Um es auf eine Kurzformel zu bringen, kann man sagen: Der Gott der Bibel ist nicht von dieser Welt, Er ist ganz und gar jenseits von ihr, die Welt als Ganze aber verdankt sich Ihm allein. Am deutlichsten bringt dies der biblische Schöpfungsbericht zum Ausdruck an der Stelle, wo er von der Erschaffung der Sonne, des Mondes und der Sterne spricht. In der alten Welt und in der Umwelt Israels sind dies alles mächtige Gottheiten, in imponierenden Kulten verehrt. In Israel werden sie gleichsam zu „Himmelslampen“ degradiert und entmächtigt, die der eine Schöpfergott am Himmelsgewölbe aufhängt. Deutlicher kann man sich in einer schon fast ironischen Formulierung nicht von den umliegenden Religionen und auch der Aton-Verehrung eines Echnaton distanzieren.

In der Lesung des heutigen Tages hören wir nun davon, wie sich weitere Wesenszüge dieses einen Schöpfergottes gleichsam herausschälen.

Mose, das am ägyptischen Pharaonenhof aufgewachsene Hebräerkind, hat die Verbindung zu seinem Volk nicht aufgegeben. Aufgrund eines Totschlags an einem Ägypter, der auf einen der jüdischen Sklaven einschlug, musste er fliehen und hat, als Nomade in der Wüste lebend und Schafe weidend, jene Gotteserscheinung am Gottesberg Horeb, die am nachhaltigsten den jüdischen Glauben bestimmen wird. Gott erscheint ihm im brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch als der, der auf das Elend und das Leid seines Volkes gesehen hat und nun Mose sendet, damit er es in Seiner, nämlich Gottes Kraft befreie.

Der ferne, absolut transzendente, d.h. weltjenseitige Gott zeigt sich hier zugleich als der nahe, der mitfühlende, der in menschliche Schicksale eingreifende und vor allem befreiende Gott. So sehr dieser Gott nicht von der Welt ist, so sehr ist Er doch mit der Welt, mit dem Menschen, insbesondere mit den Schwachen und Unterdrückten. Die Götter der Völker stehen auf der Seite der Siegervölker; hier stellt sich ein Gott auf die Seite eines Sklavenvolkes – auch das etwas vollkommen Neues.

Was aber zeichnet Ihn noch aus? Das Wort, mit dem sich Gott Mose vorstellt, lautet: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Der Gott der Väter hatte nicht Jahwe geheißen, unter welchem Namen Gott sich wenige Verse später Mose offenbaren wird, sondern El oder Elohim. Damit haben die Väter des Glaubens Israels an die El-Religion ihrer Umwelt angeknüpft. El ist, um es in einem Fachausdruck zu sagen, numen personale, Personengott, nicht numen locale, also Ortsgott. Was meint das?

Die Verehrung eines bestimmten Gottes hat sich immer wieder entzündet an heiligen Orten, an denen das oder der ganz Andere, das Göttliche, das die Welt übersteigende Heilige besonders fühlbar und erlebbar wurde. Das konnte eine geheimnisvolle Quelle, ein stiller Hain, ein mächtiger Baum oder auch ein ungewöhnliches Widerfahrnis sein. Das erfahrene Göttliche wurde oftmals so mit dem Ort dieser Erfahrung in Verbindung gebracht, dass der Ort und die Gottheit ineinanderflossen, letztere also in einer untrennbare Verbindung mit dem Ort gesehen wurde. Der Ort wird zum heiligen Ort, zur Wohnstätte einer Gottheit, was dann unweigerlich zu deren Vervielfachung führt. Da sich die Erfahrung des Heiligen an verschiedensten Orten zuträgt, eine solche Erfahrung aber als gebunden an den jeweiligen Ort vorgestellt wird, kommt es zu einer Vielzahl von Ortsgottheiten, die damit zu Eigengottheiten der jeweiligen Räume, Sippen, Stämme oder Völker werden. Einen Nachhall solcher tief im Menschen verwurzelten Empfindungen kennen wir auch noch im Christlichen, etwa in der Redeweise von der Madonna in Altötting, in Lourdes, in Fatima, in Guadalupe. Natürlich wissen wir, dass es sich immer um dieselbe handelt, um die eine Mutter Jesu. Und doch hat sie an den verschiedenen Orten gleichsam ihre je eigene Farbe, ein besonderes Charakteristikum, einen bestimmten Aspekt, unter dem sie angerufen und ihre Fürsprache erbeten wird.

Gegenüber der heidnischen Tendenz zum numen locale, d.h. zur örtlich bestimmten und begrenzten Gottheit, begegnet uns im Gott der Väter jemand ganz anderer: nicht ein Gott des Ortes, sondern der Gott von Menschen: der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der daher auch an keinen Ort gebunden ist, sondern dort ist, wo der Mensch sich aufhält. Auf diese Weise wird Gott zum begleitenden Du des Menschen. Er entrückt in die Größe des durch nichts, auch durch einen Ort nicht Begrenzbaren, und wird gerade so der überall und nicht nur an einem Punkt Nahe. Er ist nicht der an einem bestimmten Ort Antreffbare, sondern der, der zu treffen ist jeweils da, wo der Mensch ist und wo der Mensch sich treffen lässt von Ihm.  

Ein weiteres kommt hinzu, das im heutigen Lesungsabschnitt deutlich wird: Gott steht hier nicht für die numinose Macht des ewig Gleichen und ewig Wiederkehrenden der Naturgottheiten, sondern Er ist ein Gott der Verheißung, ein Gott der Geschichte, ein Gott, der in die Geschichte eingreift und so neue Zukunft eröffnet, damit ein Gott der Hoffnung, der Sinn und Ziel schenkt, für den je Einzelnen und für die Geschichte insgesamt. 

Und schließlich ist noch zu sagen, dass der Gott der Väter den El-Glauben der Umwelt umgeformt hat in den Namen Elohim, dem Plural von El. Wir begegnen hier dem Seltsamen, dass Israel den Einen und Einzigen Gott mit einem Pluralwort bezeichnet. Intuitiv wird hier erfasst, dass die unvorstellbare Größe Gottes die Alternative von Einzahl und Mehrzahl überschreitet. Er überschreitet die Grenze von Singular und Plural und damit das darin über Gott Aussagbare. Auch wenn es in Israel keinerlei Trinitätsglauben gibt, so deutet sich doch hier schon etwas an, was sich öffnen lässt auf die christliche Rede vom drei-einigen Gott. Man weiß: Gott ist der radikal Eine, der sich dennoch nicht pressen lässt in die Eindeutigkeit der Kategorie von Einzahl oder Mehrzahl: Er steht jenseits und über dieser Alternative, womit gleichsam das legitime Anliegen des Polytheismus hier aufgenommen ist, nämlich das Wissen, dass die Fülle des Göttlichen sich nicht einfangen lässt in dem, wie der Mensch sich einzelne Gottheiten vorgestellt hat. Für Maximus Confessor, einem Kirchenvater des 7. Jahrhunderts, werden sich erst im Evangelium Christi der heidnische Polytheismus und der jüdische Monotheismus versöhnen: „Jener ist sich widersprechende Vielheit ohne Band, dieser ist Einheit ohne inneren Reichtum.“  

Was wir mitnehmen dürfen aus der heutigen Lesung ist die Einmaligkeit des Gottesglaubens, wie er der Menschheit und damit auch uns durch Mose, die jüdischen Patriarchen und das Volk Israel geschenkt worden ist, ein Glaube, der allerdings noch unterwegs ist zu jener Fülle, wie sie uns erst durch Jesus Christus zugänglich geworden ist.

Aber die Wahrheit, dass Gott ein Gott der Menschen, ein Gott, der den einzelnen Menschen und damit auch mich und einen jeden von uns beim Namen nennt und ruft – dies galt damals und das gilt heute. Dass jeder von uns Ihn auch am heutigen Tag so erfährt, das wünsche ich Ihnen allen, und dazu segne Sie der drei-einige Gott, der Vater …

Pfr. Bodo Windolf

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