Impuls für Radio Horeb vom 26. September 2007

St. Severin Garching

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Im Bild:
Pfarrer Bodo Windolf,
St. Severin Garching
(bei der Firmung am 20.04.2007)

"Buch Esra / Altes Testament"

Impuls in Radio Horeb vom 26. September 2007
zu  Esra 9 (25. Woche i.J.)

Die Lesungen der beiden letzten und des heutigen Tages sind dem alttestamentlichen Buch Esra entnommen. Ich möchte in aller Kürze die geschichtliche Situation schildern: Wir befinden uns im 5. Jh. v. Chr. in der Zeit des Wiederaufbaus des Jerusalemer Tempels nach der traumatischen Erfahrung von dessen Zerstörung im Jahr 586 v. Chr. durch die Babylonier. Ein Großteil des Volkes Israel war damals in die Verbannung verschleppt worden, Jerusalem und der Tempel zerstört, der dortige Kult eingestellt. Das Buch Esra setzt ein mit dem Bericht über ein Edikt des Perserkönigs Kyrus, dessen Herrschaft die der Babylonier abgelöst hat. In diesem Edikt wird den Juden die Rückkehr in ihre Heimat sowie der Wiederaufbau des Tempels und Jerusalems gestattet. Esra – wenn man will, könnte man ihn als einen Sekretär des persischen Königs für die jüdischen Religionsangelegenheiten bezeichnen – soll diesen Wiederaufbau leiten. Dazu gehört nicht nur die Wiederherstellung des Kultes und des religiösen Lebens in Jerusalem und Israel, sondern auch die des jüdischen Gesetzes. Denn es gehörte zur Eigenart der persischen Regierung, lokale Gesetze im Rahmen der Reichsgesetze anzuerkennen.

Die heutige Lesung setzt ein mit einem längeren Bußgebet aus dem Munde Esras, der seine Aufgabe nicht als eine politische versteht, sondern als eine zutiefst religiöse. Da hier eine der ganz herausragenden Eigentümlichkeiten des Gottesvolkes deutlich wird, die Israel wohl vor allen anderen Völkern unterscheidet, möchte ich es an dieser Stelle vorlesen:

„Zur Zeit des Abendopfers …“ (vgl. Esra 9,5-9)

Das Gebet Esras ist eine Selbstanklage, die nicht ihn als Einzelnen betrifft, sondern das Volk in seiner Gesamtheit, wie es aus dem Mund dieses Einzelnen seine eigene Schuld vor Gott bekennt. Es ist gleichsam eine Beichte, eine Kollektivbeichte, wie wir sie an vielen Stellen im AT hören können, z.B. im Buch Daniel, bei anderen Propheten, in den Psalmen. Immer wieder bekennt Israel insgesamt durch den Mund einzelner Beter seine Schuld vor Gott, die vergangene und die gegenwärtige. Kein anderes Volk der Geschichte ist so sehr mit sich ins Gericht gegangen wie das jüdische Volk. Kein anderes Volk hat seine Geschichte so sehr im Licht Gottes betrachtet, kein anderes sich und seine Geschichte so sehr vor der Welt und der Nachwelt gebeichtet wie Israel. Die übrigen Völker, so kann man sagen, leben in einem grundsätzlichen Einklang mit ihren Göttern. Der Ruhm des eigenen Ursprungs und der eigenen Geschichte wird besungen. Israel dagegen ringt wie kein anderes Volk mit seinem Gott. Es betrachtet sich und  seine Geschichte immer wieder neu im Licht dieses Gottes, im Licht Jahwes. Der Ruhm Israels besteht nicht in dem, was es selbst geleistet hat, sondern in dem, was Gott an diesem Volk gewirkt, wie Er in und an diesem Volk gehandelt, es befreit und mit ihm einen unkündbaren Bund geschlossen hat. Die Tora, die Erkenntnis des Willens Gottes, empfindet es als seine eigentliche Stärke; seine Schwäche ist, immer wieder aus diesem Willen herauszufallen, der Bundesbruch, die Treulosigkeit in dem, was seine eigentliche Sendung in der Geschichte der Menschheit ist.

Von diesen Überlegungen ausgehend will ich einen Gedanken äußern, der sicher sehr ungewohnt ist, den uns aber die heutige Lesung nahezulegen vermag.

Israel hat erst im Verlaufe seiner Geschichte lernen müssen, dass Schuld zunächst einmal eine persönliche Angelegenheit ist. Lange Zeit war es, wie übrigens auch andere Völker, von der Vorstellung beherrscht, dass für die Schuld Einzelner immer auch das Kollektiv – die eigene Familie, die Sippe, die Nachkommenschaft, das Volk insgesamt – gerade stehen muss. Vor allem das Buch Ezechiel hebt deutlich hervor, dass die Schuld eines Einzelnen auch von diesem Einzelnen gesühnt werden muss. Das alttestamentliche Sprichwort: „Die Väter aßen Trauben, den Söhnen wurden die Zähne stumpf“ bringt die urtümliche Vorstellung einer Sippenhaftung, der Übertragung der Folgen einer Schuld auf die Nachkommenschaft deutlich zu Ausdruck. Gegen diese Auffassung wendet sich ganz entschieden, wie gesagt, das Buch Ezechiel.

Das ist die eine Seite der Wahrheit. Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass auch die hier überwundene Vorstellung eine zentrale Wahrheit enthält. Die Konsequenzen eines Versagens, einer Schuld, hat in der Regel nicht nur der zu tragen, der sie begangenen hat, sondern auch andere, die unter ihren Folgen zu leiden haben oder in denen sich sogar das schuldhafte Versagen fortsetzt. Das deutlichste Beispiel sind wohl Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt, falsch erzogen oder gar misshandelt oder missbraucht worden sind. Wer zuerst Opfer war, wird leider Gottes oft in seinem späteren Leben auch zum Täter, Schuld setzt sich nicht selten in der Generationenfolge fort, wiewohl dies natürlich kein automatischer und zwangsläufiger Zusammenhang ist. Manch einer schafft es, diesen Teufelskreis zu durchbrechen und sein Leben aufgrund erlittener Erfahrungen anders und neu zu gestalten.

Aber diese Beobachtung, dass unser eigenes Tun, im Guten wie im Schlechten, immer auch im Zusammenhang steht mit dem Guten und Schlechten unserer Umgebung und auch wir, im Guten wie im Schlechten, auf unsere Umgebung einwirken, möchte ich eine ganz und gar positive Wendung geben.

Wir leben in einer Zeit, in der die Beichte, das ehrliche Bekenntnis der persönlichen Schuld vor einem Priester, der mich im Namen Gottes von dieser Schuld loszusprechen vermag, aus der Übung gekommen ist. Es gibt wenige, die noch eine gute Beichtpraxis haben. Aber diesen wenigen könnte Esra aus der heutigen Lesung ein schönes Vorbild und Beispiel sein.

Auch die Beichte kann im besten Sinn des Wortes ein stellvertretendes Tun sein. Natürlich nicht in dem Sinn, dass ich die Sünde anderer beichte, wie es mir gelegentlich bei Beichten widerfährt, so dass ich bisweilen darauf hinweisen muss, dass in der Beichte die eigene und nicht die Schuld der anderen zur Sprache kommen soll. Aber ich kann in dem Bewusstsein beichten, dass ich in meiner persönlichen Schuld auch die Schuld vieler anderer, die das Beichten verlernt oder nie richtig gelernt haben, mit vor Gott trage, so wie es Esra in seinem Bußgebet getan hat. Denn meine Schuld ist Teil der Schuld der Vielen, auch ich habe Anteil an der Gesamtschuld, die unsere Welt belastet, ich kann sie nicht isoliert betrachten von der Schuld anderer.

Zugleich muss unser Tun als Christen immer auch solidarisches Tun mit allen anderen sein. Stellvertretend in meinem Versagen auch das der anderen zu Gott zu bringen und Seiner Barmherzigkeit zu empfehlen, so wie Esra stellvertretend für sein Volk dessen Schuld vor Gott getragen und darin auch seine eigene bekannt hat – denn immer spricht er von „wir“, nimmt sich also in keiner Weise aus – das ist eine Wahrheit, die wir im AT und durch die heutige Lesung neu für uns selbst entdecken können. Dabei soll uns bewusst sein, dass Gottes Erbarmen immer unendlich viel größer ist als alle unsere Schuld, dass wir daher nie an ihr verzagen oder gar verzweifeln müssen, sondern Gott alles daran liegt, sie uns und den vielen Menschen um uns herum zu nehmen, uns davon zu heilen und einen neuen Anfang, ein neues Herz zu schenken.

In diesem Sinn segne Sie der dreieinige Gott …

Pfr. Bodo Windolf

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