Impuls für Radio Horeb vom 18. Juni 2008

St. Severin Garching

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Pfarrer Bodo Windolf, St. Severin Garching

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Verborgenheit

Impuls in Radio Horeb
zur 11. Woche i. J. am 18.06.2008

Verborgenheit

Wenn du Almosen gibst, lass es nicht vor dir herposaunen; vielmehr soll deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut. Dein Almosen soll verborgen bleiben, und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

Wenn du betest, mach es nicht wie die Heuchler, die gesehen werden wollen; vielmehr geh in deine Kammer, schließ die Tür zu, dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.

Und wenn du fastest, mach kein finsteres Gesicht, damit die Leute merken, dass du fastest; vielmehr salbe dein Haar, damit die Leute es nicht merken, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht, und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

Wir alle kennen vermutlich diese Passage aus dem Matthäus-Evangelium, näherhin aus der Bergpredigt, die uns die Liturgie des heutigen Tages vor Augen stellt. Sie ist uns vertraut – und doch zugleich auch höchst fremd. „Tu Gutes und rede darüber!“, dieses Motto liegt uns in der Regel viel näher. Wohltätigkeitsveranstaltungen, Benefizkonzerte, höhere Spenden für diesen oder jenen guten Zweck gehören durchaus zum guten Ton in unserer Gesellschaft. Daher sind sie oft ein Teil der PR- und Werbestrategie von Konzernen, Unternehmen und Prominenten. Man möchte gesehen werden, es soll gesehen werden, was man Gutes tut, vielleicht gelegentlich auch, um andere anzuspornen, es einem gleich zu tun, oft aber auch und gerade, um Werbung in eigener Sache zu betreiben.

Das gilt heute natürlich vor allem für das Almosengeben. Die beiden anderen Beispiele, die Jesus nennt, eignen sich kaum mehr zum Renommieren. Was etwa das Beten betrifft, wird das heute eher schamhaft verschwiegen. Wer als Jugendlicher oder Erwachsener bekennt, dass einem z.B. der sonntägliche Gottesdienst wichtig ist und dass man auch nicht zugunsten eines geplanten Ausflugs darauf verzichten möchte, erntet eher scheele und mitleidige Blicke.

Auch mit öffentlichem Fasten ist eher wenig Ruhm und Ehre einzuheimsen.  

Worum geht es Jesus hier? Es fällt kaum schwer, das zu verstehen. Zunächst wendet er sich gegen Missstände seiner Zeit. Mag ein Tun noch so gut sein, noch so fromm, noch so zweckdienlich für Schwache und Bedürftige – wenn es letztlich und vor allem dazu dient, sich selbst ins Licht zu stellen, verliert es seinen inneren Wert. Der Anschein, sich selbst gleichsam verlassen zu haben, um beim Du zu sein, beim Du Gottes oder beim Du eines Mitmenschen, trügt. In Wirklichkeit ist ein solcher Mensch immer noch bei sich selbst, dem Kerker des Ich und des Egoismus noch lange nicht entronnen. Das Gute wird nicht zum Zweck für andere, sondern zum Mittel für einen selbst.  

Eine nur scheinbar das Gegenteil nahe legende Stelle ebenfalls aus der Bergpredigt macht deutlich, worum es Jesus geht: „Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter, dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen – und nun kommt der entscheidende Satz: und euren Vater im Himmel preisen.“  

Dieser Satz macht deutlich: Jesus geht es keineswegs darum, die Religion, den Glauben und die Ausübung des Glaubens aus der Öffentlichkeit zu verbannen und in die reine Privatheit des einzelnen abzuschieben. Die Frage, der wir uns alle stellen müssen, lautet: Worum geht es mir zuletzt und hauptsächlich? Geht es mir in erster Linie um mich selbst oder geht es mir den anderen? Suche ich meine eigene Ehre oder die Ehre Gottes? Suche ich Menschen zu gefallen oder suche ich Gott zu gefallen?

Jesus geht es um die Läuterung der Motive unseres Handelns, unseres Gutestuns, umserer Frömmigkeit. In der Tat bedarf dies einer ständigen Selbstprüfung. Wie schnell sind wir in dem Fahrwasser, nur unsere eigene Eitelkeit zu bedienen. So manches, was Menschen an Gutem tun, verliert seinen geheimen Duft, seine Lauterkeit, seine Schönheit, seinen inneren Wert in dem Augenblick, da es vor die Augen anderer gezerrt wird und zu einer Art Selbstdarstellung wird.

Aber nicht nur diese Mahnung gibt uns das heutige Evangelium mit auf den Weg. Es hebt auch den Wert dessen hervor, was in aller Einfachheit und Schlichtheit getan wird, ohne davon Aufhebens zu machen. Das verborgene Gebet, das viele alte, kranke, ans die eigene Wohnung oder gar an Bett gefesselte Menschen verrichten, ist ein unvergleichlich großer Schatz für die Kirche und die Welt. Gerade diejenigen, denen durch Alter, Krankheit oder eine Behinderung das viele Arbeiten, Schuften und Werkeln gleichsam aus der Hand genommen ist; vielleicht kann man auch sagen: denen es Gott aus der Hand genommen hat – erhalten auf diese Weise eine ganz neue Berufung: nämlich im Gebet Gott die Ehre zu geben und in den unzähligen Anliegen, Sorgen und Nöten der Welt zu beten. Leider wird unendlich viel Zeit vor dem Fernseher vergeudet und totgeschlagen, Zeit, die so gefüllt und erfüllt sein könnte durch Gebet: den Rosenkranz oder andere Formen des Betens. Besonders in dieser Hinsicht erfüllt Radio Horeb – ich möchte das an dieser Stelle in großer Dankbarkeit erwähnen – eine für viele Menschen inzwischen unersetzliche Hilfe, das Gebet wieder neu zu entdecken, vor allem auch die Wichtigkeit des Betens, und einfach mitzubeten in den Sendungen, die dazu einladen. An dieser Stelle ein herzlicher Dank auch all jenen, die ihr Alter, ihre Gebrechlichkeit, ihr Leiden Gott hinhalten und so zum Gebet werden lassen, durchaus auch dann, wenn das Beten in Worten schwer fällt oder bisweilen gar nicht mehr möglich ist.

Für den Wert solch verborgenen Tuns stehen in der Kirche insbesondere die Anbetungsorden. Die Menschen, vor allen Dingen Frauen, aber auch einige Männer, die im Karmel, als Kartäuser oder in der Nachfolge des hl. Benedikt, des hl. Dominik, des hl. Franziskus, der hl. Klara und so vieler anderer sich in der Verborgenheit eines Klosters, einer Eremitage zurückziehen, um ganz dem Gebet zu leben, unbeachtet von der Öffentlichkeit, übrigens teils auch unbeachtet von der kirchlichen Öffentlichkeit – denn vielen Christen fehlt das Verständnis für solchen Dienst des Gebets – all diese Menschen sind der verborgene Quell, aus dem die Kirche und ihr apostolische Tun lebt. Ohne diese verborgenen Wasseradern der Kirche würde nicht jene Gnade strömen, ohne die die kirchliche Verkündigung unfruchtbar und steril bleiben würde. Und wir alle, insbesondere die, denen Alter oder Krankheit mehr Zeit gegeben haben, sind eingeladen, uns mit all diesen verborgenen Gebeten zu vereinen, auch unser Gebet einzuspeisen in den Strom der Gnade, der ohne dieses Gebet nicht fließt. 

Das Evangelium des heutigen Tages kann und will uns helfen, den Wert des Unscheinbaren, des Verborgenen neu zu entdecken. Gott, der das Verborgene sieht, wird es fruchtbar machen und zum Segen werden lassen für einen selbst, besonders aber für die ganze Kirche, die ganze Menschheit. Diesen Segen gewähre euch besonders am heutigen Tag der dreieinige Gott …

Pfr. Bodo Windolf

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