Impuls für Radio Horeb vom 2. Juli 2008

St. Severin Garching

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Pfarrer Bodo Windolf, St. Severin Garching

"Ave Maria - welche Berechtigung?

Impuls in Radio Horeb
am 2.7.08 (Fest Mariä Heimsuchung)

Das „Ave Maria“ – welche Berechtigung hat katholische Marienverehrung?

Die Kirche begeht heute das Fest „Mariä Heimsuchung“. Es ist eins von insgesamt etwa 15 marianischen Hochfesten, Festen und Gedenktagen, die der gesamtkirchliche liturgische Kalender kennt. Hinzu kommt noch eine große Zahl von lokal gefeierten Marienfesten. Allein das zeigt, welch hohen Stellenwert Maria für Katholiken und die katholische Frömmigkeit hat.

Marienverehrung wie überhaupt die Verehrung der Heiligen zählt bekannterweise zu den Formen katholischer Spiritualität, die nach wie vor die Konfessionen trennen. Wobei es für mich immer wieder eine besonders schmerzliche Erfahrung ist, dass es im ökumenischen Disput ausgerechnet die Mutter Jesu ist, die einen Graben zwischen katholischen und evangelischen Christen spürbar werden lässt; dass gerade sie es ist, die wie ein Hindernis, wie eine nicht erwünschte Person, zumindest was ihre Verehrung betrifft, zwischen den Konfessionen steht.

Auf der einen Seite gibt es sie zwar, tiefgläubige evangelische Christen, die kein Problem mit Maria haben, die Kerzen anzünden vor einer Marienstatue, die Marienwallfahrtsorte besuchen oder sogar den Rosenkranz beten. Aber der weitaus größte Teil ist doch von einer deutlichen Distanzierung geprägt. Der Vorwurf, Katholiken würden Maria anbeten, scheint schier unausrottbar, obwohl dies natürlich kompletter Unsinn ist. Jedenfalls hört und liest man ihn leider immer wieder. Vor noch nicht allzu langer Zeit habe ich erlebt, wie bei einem ökumenischen Gottesdienst, der auf ein hohes Marienfest fiel, vereinbarungsgemäß auch ein „Ave Maria“ gebetet wurde, bei diesem Gebet aber der evangelische Pfarrer einige Schritte zur Seite trat und so durch den räumlichen Abstand die innere Distanzierung sehr deutlich zum Ausdruck brachte.

Ich möchte dies zum Anlass nehmen, einmal ein paar Gedanken zur Marienfrömmigkeit und insbesondere zum „Ave Maria“ auszuführen. Dies legt der heutige Festtag durchaus nahe. Denn an ihm gedenkt die katholische Christenheit der Begegnung Marias mit Elisabeth, der Mutter Johannes des Täufers. Kurz zuvor hatte Maria vom Erzengel Gabriel die Kunde von ihrer Empfängnis Jesu aus der Kraft des Heiligen Geistes erhalten und ihre uneingeschränkte Einwilligung, ihr vorbehaltloses Ja zum Willen Gottes ausgesprochen. Zugleich erfuhr sie von der Schwangerschaft Elisabeths, die trotz ihrer bisherigen Unfruchtbarkeit noch in hohem Alter ein Kind erwartete und nun schon im sechsten Monat war. Unverzüglich macht sich Maria auf den Weg zu ihrer Verwandten, um ihr bei der in diesem Alter sicher nicht unbeschwerlichen Schwangerschaft und Geburt zu helfen. Als Maria bei ihr ankommt, begrüßt Elisabeth sie mit jenen Worten, die bis heute in jedem „Ave Maria“ wiederholt werden: „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“

Es gehört zu den spontansten Gefühlen eines jeden Menschen, ob Junge oder Mädchen, Mann oder Frau, die eigene Mutter zu ehren, also die Person, die jeden von uns 9 Monate lang unter ihrem Herzen getragen, unter Schmerzen geboren, an der Brust gestillt und ins Leben eingeführt hat. Natürlich gibt es auch Menschen, die aufgrund schlimmer Erfahrungen mit ihrer Mutter keine guten Erinnerungen verbinden. Aber insgesamt ist dies sicher die Ausnahme. Normalerweise gibt es kaum etwas Natürlicheres und Innigeres als die echte Liebe zur eigenen Mutter. Und so können, nein müssen wir davon ausgehen, dass auch Jesus seine Mutter geehrt hat wie keinen anderen Menschen. Wenn wir als Christen, als Jesus Nachfolgende Maria, Seine Mutter, ehren und verehren, dann tun wir ganz sicher nichts anderes als was ihr Sohn auch tut. Wir stimmen ein in die Gefühle, die Jesus ohne jeden Zweifel für seine Mutter empfindet. Wen das befremdet, dem muss man sagen: in unserem Glauben geht es nicht nur göttlich, sondern auch zutiefst menschlich zu. Die Verehrung Marias ist eine innere Konsequenz der Menschwerdung Gottes. Denn zu ihr gehört nicht nur das Eingehen in einen menschlichen Leib, sondern auch das Großwerden in einer menschlichen Familie mit all ihren natürlichen Bindungen und Beziehungen.

Natürlich wird oft eingewendet, dass das zwar alles richtig sein mag, von Marienverehrung aber doch gar nichts in der Bibel stehe. Leider, oder besser Gott sei Dank stimmt das überhaupt nicht. Die urmenschliche Gebärde der Liebe und Zuneigung zu Maria als Mutter Jesu findet ihren Niederschlag z.B. im Ausruf jener Frau aus dem Volk, die eines Tages ausrief: „Selig die Frau, die dich geboren und die Brust, die dich genährt hat!“  Ja, Maria wird von dieser unbekannten Frau in tiefer Verehrung selig gepriesen, und wir tun in den Augen Gottes und seines Sohnes ganz sicher ebenso recht, wenn wir uns dieser Unbekannten aus dem Volk anschließen.

Im übrigen sagt Maria dies in einem geradezu prophetischen Wort über sich selbst: „Selig werden mich preisen alle Geschlechter“, ruft sie im Magnificat aus. Auch dieses einzige Gebet, das wir aus dem Mund Marias kennen, hören wir im Evangelium zum heutigen Festtag.

Und genauso tut es der Engel im Auftrag Gottes: „Sei gegrüßt, Maria, du Begnadete, der Herr ist mit dir.“ Auch diesen Gruß Gottes an Maria durch den Mund des Engels machen wir uns in jedem „Ave Maria“ zu eigen. 

Von daher lässt sich sagen, dass das „Ave Maria“ ein zutiefst biblisches Gebet ist. Es sind Worte der hl. Schrift, in die wir wiederholend einstimmen, wenn wir uns an Maria wenden, und kann man wirklich etwas dagegen haben?

Im zweiten Teil dieses Gebetes wenden wir uns mit den Worten: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes“ bittend an Maria. Wir tun damit dasselbe wie die Menschen auf der Hochzeit zu Kana, als sie sich hilfesuchend an sie wandten. Der Wein war ausgegangen, und ihr Eintreten für die Brautleute und Hochzeitsgäste bei ihrem Sohn führt zum ersten Wunder, das Jesus wirkt und zugleich dazu, dass eine hochnotpeinliche Situation gerade noch abgewendet wurde. Denn wie peinlich wäre es für die Brautleute in der Tat gewesen, wenn der Wein tatsächlich ausgegangen wäre.  

Nun zur Frage: Worum bitten wir denn eigentlich im „Ave Maria“? Gerade dieses Worum zeigt noch einmal die ganze Tiefe dieses Gebets. Denn wir bitten jeweils für die zwei wichtigsten Momente unseres Lebens. „Bitte für uns jetzt und in der Stunde unseres Todes“. 

Zum einen bitten wir für das Hier und Jetzt der Gegenwart. Nichts in unserem Leben können wir so gestalten wie den gegenwärtigen Augenblick. Was hinter uns liegt, können wir nicht mehr ändern, was vor uns liegt, darauf haben wir nur eingeschränkten Einfluss. Menschen, die immer nur in der Vergangenheit oder in der Zukunft leben, verpassen das eigentliche Leben. Wie wir das Jetzt gestalten, wie wir den jetzigen Augenblick mit Segen erfüllen können, darauf kommt es an. Jetzt kann Altes verwandelt werden: durch Dankbarkeit, durch die Bitte um Vergebung, wo ich in der Vergangenheit unrecht getan habe, durch das Gewähren von Vergebung, wo mir Unrecht angetan wurde. Und die Zukunft kann segensreich vorbereitet werden. Die Aufgabe, die jetzt ansteht, sie soll ich nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen. Und für dieses Jetzt erbitten wir Fürsprache, Beistand, Kraft und Segen. 

Neben der Gegenwart ist es nur eine Stunde der Zukunft, von der wir Gott sei Dank nicht wissen, wann sie eintritt, die wir immer wieder in den Blick nehmen dürfen und sollen, nämlich die unseres Todes. Nach dem Hier und Jetzt wird der Tod der wichtigste Augenblick unseres Lebens sein. Denn im Tod fassen wir unser Leben in einer letzten Entscheidung für oder gegen Gott zusammen. Im Tod sammelt sich noch einmal unser ganzes Leben, mit dem insgesamt wir dann vor Gott stehen werden, vor sein Angesicht treten, für das wir uns verantworten müssen in dem, was wir das persönliche Gericht nennen. In dieser Stunde jene Frau an der Seite zu wissen, die auch in der Todesstunde Jesu, ihres Sohnes und ihres und unseres Erlösers zugegen war, die unter Seinem Kreuz ausgeharrt hat – das ist eine Gnade, um die wir nicht oft genug bitten können. 

Das „Ave Maria“ ist also ein biblisches Gebet und ein ganz tief unser Leben meinendes und aufgreifendes Gebet. Wem es fremd ist, dem möchte ich es aus ganzem Herzen empfehlen, es immer wieder zu beten in der Freude des Engels, in der Freude Elisabeths, die mit diesen Worten die Mutter Jesu gegrüßt haben und mit einem großen Vertrauen, dass Maria „jetzt und in der Stunde unseres Todes“ für uns eintritt bei ihrem Sohn. Sein Segen möge Sie alle durch diesen Tag begleiten, der Segen des Vaters …

Pfr. Bodo Windolf

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