Impuls für Radio Horeb vom 13. August 2008

St. Severin Garching

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Pfarrer Bodo Windolf, St. Severin Garching

"Gott als Strafender?

Impuls in Radio Horeb
Impuls 19. Woche im. J. am 13.08.08

Gott als Strafender?
Es ist kein ganz einfaches Thema, dem ich mich heute stellen möchte, aber ein, wie mir scheint, sehr wichtiges, und ich lasse es mir von der heutigen Lesung aus dem Buch Ezechiel vorgeben. Dort heißt es gleich in den ersten Versen: „Gott, der Herr, schrie mir laut in die Ohren: Das Strafgericht über die Stadt Jerusalem ist nahe.“ Im Anschluss an diese Worte schaut der Prophet in einer Vision die Engel, die dieses Strafgericht über Jerusalem verhängen, kein Mitleid zeigen, niemanden schonen dürfen, weder Kinder noch Mädchen noch Frauen, und Alt und Jung erschlagen müssen – mit Ausnahme derer, die über die in der Stadt begangenen Greueltaten stöh­nen und seufzen und denen zum Zeichen ihres Verschontwerdens ein T auf die Stirn gezeichnet worden war.  

So mancher mag fragen: Haben wir es da nicht wieder: Hier der alttestamentliche, strafende und zornige Gott, den wir aber doch eigentlich schon längst hinter uns gelassen haben und hinter uns lassen müssen zugunsten jener Vorstellung dort, die uns durch Jesus das Neue Testament vermittelt, zugunsten also eines Gottes reiner Güte und Milde und Barmherzigkeit? 

Hinter der Frage, die hier auftaucht, stehen durchaus sehr leidvolle persönliche Erfahrungen von Menschen. Z.B. von solchen, die mit dem Bild eines Gottes groß geworden sind, der alles sieht und unnachsichtig straft, wenn ich mich nicht gebots- und gesetzeskonform verhalte. Oder auch solche, die das Gefühl nicht los werden, aufgrund eines gegenwärtigen Leides, eines Schicksalsschlages, einer Krankheit von Gott bestraft zu werden für eine in der Vergangenheit begangene Schuld. Wobei andere wiederum aufgrund ähnlichen Leides fragen, wofür Gott sie denn so hart bestrafe.  

Wie alle existentiell wichtigen Fragen sind auch diese nicht mit einem einfachen Ja oder Nein zu beantworten. Man darf es sich weder in die eine noch in die andere Richtung zu einfach machen. D.h. weder die simple Vorstellung von einem zornigen Rachegott, der durch menschliche Sünde und Schuld „beleidigt“ wird und entspre­chende Strafen verhängt, noch auch die Vorstellung, der liebe Gott könne gar nicht strafen, weil er ja „lieb“ ist, werden den biblischen Texten sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament gerecht.  

Ich möchte mit einer Vorbemerkung beginnen, nämlich mit der Frage: Worum geht es denn prinzipiell bei Strafe? Zunächst einmal ist es wichtig festzustellen, dass ihr die Idee der Gerechtigkeit zugrunde liegt. Seit der klassischen Antike stellen Philosophen die Frage, was der Sinn von Strafe ist und was sie legitimiert. Schon damals haben sich zwei Straftheorien herausgebildet, die bis heute die Hauptpositionen darstellen.

Nach der ältesten Auffassung ist Vergeltung der Hauptzweck der Strafe. Ein geschehenes Unrecht bedarf der Sühne, um den Zustand der Gerechtigkeit wiederherzu­stellen. Der Grundsatz lautet: Punitur quia peccatum est. „Es wird gestraft, weil Unrecht begangen wurde.“

Dagegen wendet sich bereits der griechische Philosoph Protagoras mit seiner Forderung, allein die auf die Zukunft bezogene Verhütung von Unrecht sei ein vernünftiger Strafzweck. Da Geschehenes bekanntlich nicht ungeschehen gemacht werden kann, kann es für ihn nur um Prävention gehen. Hier lautet der Grundsatz: Punitur, ne peccetur. „Es wird gestraft, damit kein Unrecht begangen wird.“ Diese Theorie beruht einesteils auf Abschreckung, will also die Unterlassung des Bösen durch Furcht vor Strafe erwirken, andernteils intendiert sie aber auch die Besserung des Täters, den die Strafe zum Guten hin verwandeln möge.  

Strafe hat hier also die Aufgabe, die durch Böses gestörte Ordnung unter den Menschen wiederherzustellen oder zu bewahren. Dies gilt zunächst einmal für die rein innerweltliche Strafe, die die zuständige Institution verhängen darf, natürlich nur nach Maßgabe der Gerechtigkeit. Der klassische biblische Satz dafür, nämlich für das sog. „Ius talionis“, lautet: „Auge für Auge, Zahn für Zahn“. Gleiches muss durch Gleiches gesühnt werden, was – auch wenn für uns Christen von der Bergpredigt her dieses alttestamentliche Wort keinen guten Klang hat, weil es für strenge Vergeltung steht – einen wichtigen ethischen Meilenstein darstellt, weil es in einer Gesell­schaft, die z.B. noch von Blutrache geprägt war, der Rache bzw. Vergeltung eine strikte Grenze setzt. Mit anderen Worten bedeutet es: Strafe niemals über das began­gene Unrecht hinaus.  

Wie verhält es sich nun aber in Bezug auf Gott? Tatsächlich wird das oftmals von Propheten angekündigte Unheil als eine göttliche Strafe für den Bundesbruch in Israel, für bisweilen über Generationen hinweg begangenes Unrecht sowohl gegen Gott wie auch gegen vor allem den wehrlosen Mitmenschen betrachtet. Ob Ezechiel, wie in der heutigen Lesung, oder Jeremia, aus dem wir in den letzten Wochen viele Passagen gehört haben: Sie müssen harte Gerichtsworte sprechen, die allerdings von den meisten nicht gehört und wie in den Wind gesprochen erscheinen. Wir haben doch den Tempel, in dem wir Gott täglich unsere Opfer darbringen. Gott wird niemals gegen sein eigenes Heiligtum wüten und damit auch die Stadt verschonen, so glaubte man in großer Vermessenheit. Gott würde ja gegen sich selbst handeln, wenn das angekündete Strafgericht tatsächlich käme. 

Israel muss diesbezüglich eine andere Erfahrung machen und wird die wenig später eintreffende Zerstörung Jerusalems einschließlich des Tempels sowie die Ver­schleppung fast des ganzen Volkes auf ferne, fremde Erde in Babylon als Gottes Strafe für seinen andauernden Bundesbruch, für seine Sünden betrachten.

Spätestens ab da wird auch immer deutlicher in den alttestamentlichen Schriften der sog. Tun-Ergehens-Zusammenhang formuliert: dass nämlich jede Tat ihre eigenen Folgen in sich trägt: Wer Gutes tut, dem wird es gut ergehen, wer Böses tut, dem wird es böse ergehen. Wobei dies niemals unabhängig von Gott betrachtet wird: In den Tatfolgen segnet Gott den, der ihm dient, und Er straft den, der sich Ihm und seinen Geboten widersetzt; Er verhängt den Fluch, der in der Sünde selbst enthalten ist.

Noch bis in neutestamentliche Zeit ist diese Vorstellung prägend. Dass in ihr etwas Richtiges gesehen wird, ist zwar offensichtlich. Denn wer z.B. ungesund lebt, setzt auf Dauer auch seine Gesundheit aufs Spiel. Und was für den Leib gilt, ist auch auf unsere Seele übertragbar. Aber dennoch ist das Ganze eine zu simple Gleichung, die schon im AT das Buch Hiob als zu einfach durchschaut und die auch Jesus wieder und wieder korrigieren muss. Als etwa Er und die Jünger einem Blindgeborenen begegnen und die Jünger Jesus fragen, wer gesündigt habe, er selbst oder die Eltern, weist er diese Verdächtigung entschieden zurück.  

Was hat es nun dann aber wirklich mit der Aussage auf sich, dass Gott Unrecht auch bestrafe. Zunächst gilt: Das ungeheure Böse, das Menschen seit Menschengeden­ken einander antun, kann Gott nicht einfach auf sich beruhen lassen. Jedes Gerechtigkeitsempfinden würde sich dagegen empören. Es gibt Unrecht, das zum Himmel schreit und Sühne, Wiedergutmachung verlangt; es gibt Opfer von Unrecht, die in ihrer Ohnmacht als einzigen Anwalt Gott haben, der ihnen Recht zu schaffen vermag. Ein Gott, der nicht Wieder-gut-Machung in des Wortes ureigentlicher Bedeutung fordern würde – dass also die Dinge in der Welt wieder gut und recht werden – wäre eine Karikatur auch des neutestamentlichen Gottes, wie Er sich uns in Jesus Christus zeigt. Ohne Zweifel gibt es also das, was die hl. Schrift Strafe oder Zorn Gottes nennt.  

Das Entscheidende ist nun, dass dieser Zorn Gottes gegen das Böse in der Welt und damit gegen das Böse im Menschen – und wer könnte sich hier ausnehmen? – ­nichts anderes sein kann als ein Aspekt Seiner Liebe. Gott kann nicht anders als lieben, weil Er die Liebe ist, wie Johannes im ersten seiner Briefe schreibt (1 Joh 4,8.16). Nur dürfen wir keine billige und banale Vorstellung von Liebe haben: Nichts ist so verletzlich wie Liebe, daher kann sie niemals gleichgültig gegen begangenes Un­recht sein; nichts ist auch so gerecht wie Liebe, die will, dass dem Opfer von Schuld Recht widerfahrt; nichts ist aber auch so barmherzig wie Liebe, denn sie will „nicht den Tod des Sünders, sondern dass er umkehrt und lebt“. Dieses Wort steht ebenfalls im Buch Ezechiel, das der Prophet im Auftrag Gottes spricht. Strafe im Sinne der hl. Schrift hat also – und hier sehen wir, dass schon die Philosophen der Antike etwas ganz und gar Richtiges gesehen haben – den letztlich einen Zweck, auch den Sünder zu heilen, nämlich von der Verkehrtheit seiner Gedanken, vom Unrecht und der Lüge seiner Worte, von der Perversion seiner Handlungen und Unterlassungen. 

Was folgt daraus? Wo ein Mensch das Gefühl hat, wegen eines vergangenen Unrechts von Gott gestraft zu sein, tut es, wie ich meine, letztlich nichts zur Sache, ob man es Strafe nennt oder wie auch immer. Entscheidend ist, ob ein Mensch das Vertrauen haben kann, auch hinter einem persönlichen Leid die Liebe Gottes, Sein liebendes Antlitz zu sehen. Gott schenkt helle Gnade, bisweilen aber auch dunkle Gnade; aber ob hell oder dunkel, ob mit gefühlter Freude oder ob mit Schmerz ein­hergehend, letztlich ist alles Gnade, was wir aus Seiner Hand entgegen zu nehmen bereit sind.  

Wenn es in der Lesung heißt, dass den Gerechten ein Tau auf die Stirn gezeichnet wird, dann kann es sein, dass es nicht einfach nur ein äußeres Zeichen bleibt, sondern dass dieses Tau – das ja die Form eines Kreuzes hat –  einen Menschen so zeichnen kann, dass es Eingang findet in seine ganze Existenz. Was manchmal wie ein Fluch erfahren wird, kann daher durchaus genau jenes Tau sein, jenes Segenszeichen, das von endgültiger Verlorenheit befreit; ja, es wird in dem Maße zum Segen, wie ein Mensch es zu empfangen und damit anzunehmen bereit ist. Die eigentliche Größe Gottes besteht auch und gerade darin, das Böse zu verwandeln in Gutes, den Fluch zu verwan­deln in Segen, Kreuz und Leid zu verwandeln in Freude.  

Dieses Gezeichnetsein mit dem Tau bzw. dem Kreuz betrifft auch und besonders die Gerechten. Als Beispiel möchte ich Mutter Teresa anführen. Als im vergangenen Jahr ihre persönlichen Briefe und Aufzeichnungen veröffentlicht wurden, war es für viele eine große Überraschung zu lesen, wie sehr sie heimgesucht war von innerem Dunkel, von Glaubenszweifel, von der Erfahrung einer vollkommenen Abwesenheit Gottes. Ohne Zweifel war es bei ihr nicht die Konsequenz aus persönlicher Schuld. Nein, wir deuten es wohl nur richtig, wenn wir sagen, dass sie stellvertretend für viele teilgenommen hat am Glaubensdunkel so vieler Menschen unserer Zeit. Sie hat es getra­gen in einem nackten Glauben, in einem blinden Vertrauen und in einer oft ungefühlten Liebe, die es fruchtbar gemacht hat für die, die sich aus Schuld von Gott abge­wendet haben.  

Dass jeder von uns die Kraft finde, hinter der hellen, aber auch hinter der dunklen Gnade in seinem Leben das Antlitz der Liebe Gottes zu sehen, der alles in unserem Leben, das Leich­te wie das Schwere, das Freudvolle wie das Leidvolle in Segen zu verwandeln vermag – das wünsche ich Ihnen allen. Und so begleite Sie dieser Segen heute und alle Tage Ihres Lebens, der Segen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.  

Pfr. Bodo Windolf

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