Impuls für Radio Horeb vom 15. Oktober 2008

St. Severin Garching

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Pfarrer Bodo Windolf, St. Severin Garching

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Schuld, Sünde, Schuldgefühle

Impuls in Radio Horeb
Impuls Mittwoch 29. Woche i. J. vom 15.10.2008 zu Röm 6,12-18

Thema: Schuld, Sünde, Schuldgefühle

„Die Sünde soll euren sterblichen Leib nicht mehr beherrschen, und seinen Begierden sollt ihr nicht gehorchen …Die Sünde soll nicht über euch herrschen … denn ihr wart Sklaven der Sünde … (nun aber), Gott sei Dank … wurdet ihr aus der Macht der Sünde befreit.“

All das sind Worte aus jenem Teil des Römerbriefs, in dem Paulus über die Realität von Sünde und Schuld in unserem Leben nachdenkt, aber auch und gerade über die Befreiung aus ihren Klauen, aus ihrer Sklaverei und Knechtschaft, wie er es nennt. 

Sünde in diesem Sinn, wie Paulus das Wort hier gebraucht, ist in unserer Zeit zu einem Unwort geworden. Man nimmt es nicht oder kaum mehr in den Mund, höchstens noch in einem harmlosen Sinn, wenn wir von Verkehrs- oder Umweltsündern sprechen oder davon, dass „ich mal wieder gesündigt habe“, womit dann gemeint ist: ich habe zu viel Kuchen, zu viel Süßes, zu fett gegessen und gegen meine Diätvorschriften verstoßen. Sünde im ernstesten und tödlichen Sinn des Wortes, wie Paulus es verwendet, ist out; denn die, wenn ich sie erkenne, mit ihr einhergehenden Schuldgefühle stören die Gemütlichkeit, den Seelenfrieden, die innere Ausgeglichenheit. Zur Lebensqualität gehört, dass ich mich, so wie ich bin, für schon o.k. halte.  

Die Frage ist allerdings, ob nicht genau dieses „ich bin schon o.k. wie ich bin“ mehr und mehr zu einer Mitursache für seelische Verwahrlosung und seelischen Unfrieden in vielen Menschen geworden ist.

Dass es Schuld und Sünde gibt, und zwar unermessliche Schuld in unserer Welt, das zuzugeben ist nicht das Problem; dazu müssen wir ja nur die Zeitung aufschlagen. Das Problem beginnt für viele da, wo es um die eigene Schuld, um die eigene Sünde geht; darum, dass ich, auch ich Mitspieler bin, Mittäter bei den kleinen und großen Verwerflichkeiten und Bosheiten auf unserer Erde.  

Natürlich, menschlich ist es verständlich, dies nicht wahrhaben zu wollen: wer konfrontiert sich schon gern mit den eigenen „schmutzigen Füßen“? Aber kann Verdrängung eine Lösung sein?

Wenn ich eine Krankheit vielleicht ahne, aber nicht zum Arzt gehe, weil ich eine entsprechende Diagnose fürchte, so beseitigt das die Krankheit ja gerade nicht, vielmehr ist das der sicherste Weg, sie ihr zerstörerisches Werk ungehindert tun zu lassen. Im selben Sinn scheint mir der weitverbreitete Unschuldswahn eine der schlimmsten Krankheiten unserer Zeit zu sein, der schwer beizukommen ist: denn wenn man die Sünde und das Bewusstsein von ihr mehr oder weniger abgeschafft hat, benötigt man natürlich auch die Therapie, die Barmherzigkeit Gottes und die Zusage Seiner Vergebung nicht mehr. Und ich möchte nicht wissen, wie viele psychische Störungen, Neurosen, Depressionen, Süchte usf. auf das Konto unvergebener Schuld geht. 

Die Kirchenväter haben die „Insensibilität“, d.h. die Unfähigkeit, über die eigene Schuld zu trauern und sie bereuen, als die eigentliche Krankheit der heidnischen Welt angesehen. Ohne die Erschütterung über das eigene Unrecht gibt es in der Tat keine Bekehrung. Andererseits muss man geradezu „sein Herz verhärten“ – wie schon das AT ausdrückt – also Schuld verdrängen, wenn niemand da ist, von dem man Vergebung erhofft. Schulderkenntnis und das Zugeben von Schuld ist wohl nur da möglich, wo ich um eine Therapie von dieser Wunde weiß. (vgl. Ratzinger, Kirchenverfassung und Umkehr, in: IkaZ, 1984, 444f) 

Natürlich kann man an dieser Stelle einwenden: Haben wir es da nicht wieder einmal. Immer dasselbe mit der Kirche. Die will uns nur diese ewigen Schuldgefühle einreden und einhämmern, uns den Spaß an den spaßigen Dingen des Lebens verderben, und vor allem uns niederhalten, dass wir uns als klein und armselig vorkommen, und so will sie Macht ausüben.  

Nun, vielleicht hat man in früherer Zeit tatsächlich oft zu sehr die Sündigkeit der Menschen betont und menschliche Gewissen gelegentlich unnötig belastet; heute sieht das Problem aber wohl eher umgekehrt aus, dass nämlich die Sensibilität für die Realität Sünde im eigenen Leben weithin verloren gegangen ist.  

Ich möchte dazu ein paar Sätze eines Psychotherapeuten, nämlich von Albert Görres, zitieren. „Schuldgefühle sind im seelischen Haushalt für die seelische Gesundheit, für Frieden und Freude, für das Gelingen des Lebens notwendig.“ (A.Görres, Schuld und Schuldgefühle, in: IkaZ, 1984, 433) „Schuldgefühle sind eine hervorragende Lebenshilfe, eine Kraft zur Vertiefung und Vermehrung des möglichen Lebensglücks und der Lebensfreude, eine Energiequelle sondergleichen. Vielen Menschen und vielen Christen kann man nichts  Besseres und Wertvolleres wünschen als gute Schuldgefühle und einen guten Umgang mit ihnen.“ (ebd. 442)  

Wie kommt Görres zu solchen Aussagen? Er will sagen: echte Schuldgefühle sind wie ein Freund, wie ein wahrer Freund, der mich darauf aufmerksam macht: du hast  die Rechte eines anderen und deine Pflichten ihm gegenüber verletzt; du hast die Liebe verletzt; in dir ist etwas in Unordnung geraten; du hast in all dem Gott, Mitmenschen und nicht zuletzt auch dich selbst verletzt. Wer dafür kein Gefühl mehr hat, indem er keine Schuldgefühle mehr kennt, den sieht Görres in der Gefahr, unter Gefühlsverödung, Gefühlsverzerrung, Gefühlsverrohung zu leiden bis dahin, zu einem gemütlosen Psychopathen zu werden. „Denn das Gewissen stellt seine Signale und Nachrichten ein, wenn sie immer wieder abgewiesen werden.“ (ebd. 434) 

Was ist die Voraussetzung für echte Umkehr, für die Befreiung aus der Macht des Bösen und der Sünde? Als erstes möchte ich das tiefe Durchdrungensein von dem Glauben nennen, dass Gott Liebe und nichts anderes als Liebe ist. Ein Gott, vor dem ich Angst haben müsste, weil er jede Verfehlung unerbittlich straft, könnte mich höchstens disziplinieren; zu einem Gott, dessen Strafe ich fürchte, kann ich nur äußerlich umkehren, nie aber mit meinem Innersten, meinem Herz, meiner ganzen Person.

Aber zu Ihm umkehren im Sinne von mich zu Ihm hinkehren und das Leben auf Ihn stellen, das geht nur, wenn ich weiß: bedingungslos, so wie ich bin, bin ich bejaht und geliebt. Daher lautet der Umkehrruf Jesu auch nicht: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium, damit das Himmelreich endlich zu euch kommen kann“, sondern er lautet: „Das Himmelreich, und das heißt: Gottes unermessliche, euch immer schon zuvorkommende Liebe ist euch nahe gekommen. Darum kehrt um! Nicht zu abstrakten Geboten; sondern zu einer Person; zu nichts anderem als zu dieser Liebe; denn weil es diese Liebe gibt, darum könnt ihr nun auch wirklich umkehren.  

Dies ist das Wichtigste und Grundlegende. Aber es bedarf noch einer Ergänzung, sonst bleibt diese Liebe unvollständig, gleichsam auf halbem Wege stehen. Wenn Liebe wirklich Liebe ist, dann wird sie mich zwar in der Tat ohne Bedingung lieben, so wie ich bin; aber sie kann nicht wirklich wollen, dass ich, wenn in mir etwas Liebloses ist, so bleibe wie ich bin. M.a.W.: Sie kann nicht wollen, dass es in mir Züge, Eigenschaften, Gedanken, Worte und Taten gibt, die außerhalb der Liebe sind; das und nichts anderes aber wird mit dem Wort Sünde bezeichnet. Man muss also sagen: Weil Gott nichts als Liebe ist und weil ich nach Seinem Bild geschaffen bin, muss Er meine immer neue Umkehr wollen; muss Er wollen, dass ich Sünde erkenne, sie bereue und mir vergeben lasse. Er muss wollen, dass ich Seiner Liebe nicht zuletzt auch durch die Gnade der Vergebung, der inneren Erneuerung, ähnlich  werde. Jesus wiederholt dies immer wieder: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe.“

Es geht hier nicht in erster Linie um eigene Leistung, um Perfektionierung unseres Handelns, sondern darum, uns diese innere Erneuerung schenken zu lassen und aus ihr die Kraft zu einem neuen und anderen Leben zu finden. Das ist das eigentliche Anliegen, das Paulus uns in seinem Römerbrief deutlich machen und ans Herz legen möchte. „Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden“, so haben wir es einige Verse zuvor hören können. Nur erkennen müssen wir sie, dann können wir auch von ihr geheilt werden. Der vorzüglichste, der heilsamste Ort, an dem dies geschieht, ist ohne Zweifel eine gute Beichte. Hier geschieht wie nirgends sonst „Befreiung aus der Macht der Sünde“, wie Paulus schreibt.  

Dass Sie diese Erfahrung immer wieder machen dürfen, dass Sie den Mut finden zu einer solchen Erfahrung, dass Sie daher auch nie an irgendeiner Schuld verzweifeln, sondern sie sich nehmen lassen z.B. durch den Empfang des Bußsakramentes, vielleicht nach langer Zeit wieder, das wünsche ich Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, sehr.

Der, der uns alle heil machen möchte, segne Sie alle, der Vater …

Pfr. Bodo Windolf

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