Impuls für Radio Horeb vom 26. November 2008

St. Severin Garching

[Zurück zu Impulsseite] 

www.radio-horeb.de

Im Bild:
Pfarrer Bodo Windolf, St. Severin Garching

"
Zorn Gottes – mit Gottes Liebe vereinbar?

Impuls in Radio Horeb  26.11.2008
Zorn Gottes – mit Gottes Liebe vereinbar?
Die, die mich kennen, wissen, dass ich gern immer wieder einmal auch heikle Themen anpacke; das will ich auch im heutigen Impuls versuchen.

Die gestrige Lesung aus dem Buch der Offenbarung endete mit folgendem Satz aus dem Mund des Sehers Johannes. „Da schleuderte der Engel seine Sichel auf die Erde, erntete den Weinstock der Erde ab und warf die Trauben in die große Kelter des Zornes Gottes.“ Heute hören wir: „Ich sah sieben Engel mit sieben Plagen, den sieben letzten; denn in ihnen erreicht der Zorn Gottes sein Ende.“

Zweimal ist hier, insgesamt im letzten Buch der Bibel sogar noch viel häufiger, vom „Zorn Gottes“ die Rede. So mancher mag sich fragen: Sollte man diese Redeweise nicht lieber einfach auf sich beruhen lassen? Hier ist doch das Neue Testament gar nicht auf der Höhe seiner selbst! Im Alten Testament – ja, das ist ja bekannt, dass es darin nur so wimmelt von der Vorstellung eines zornigen, strafenden, immer wieder auch dreinschlagenden Gottes. Aber im Neuen Testament ist das doch endlich und Gott sei Dank überwunden; überwunden zugunsten der Vorstellung von der reinen Liebe Gottes. 

Leider spukt dieses Klischee vom zornig strafenden Gott des AT`s und dem barmherzig liebenden Gott des NT`s noch immer in so manchen Köpfen herum. Aber auch durch noch so häufige Wiederholung wird dieses Vorurteil gegenüber dem alttestamentlichen Gottesbild nicht richtiger.  

Natürlich ist es wahr, dass der Zorn Gottes im AT einen breiteren Raum einnimmt als im NT. Aber zugleich gilt: er ist auch hier ein- und untergeordnet in die je größere Liebe, Gnade und Barmherzigkeit  Jahwes. Beides steht zueinander in einem absolut ungleichen Verhältnis. Der Zorn Jahwes steht nicht gewissermaßen gleichberechtigt neben seiner Bundesliebe, sondern ist ein Moment innerhalb ihrer. Beispiele: Bei Jesaja lesen wir: „Einen Augenblick nur verbarg ich vor dir meine Gesicht in aufwallendem Zorn; aber mit ewiger Huld habe ich Erbarmen mit dir“ (Jes 54,8). In Ps 34 beten wir: „Denn sein Zorn dauert nur einen Augenblick, doch seine Güte ein Leben lang“ (Ps 30,6). Die Propheten Hosea und Jeremia sprechen davon, dass Sein Mitleid und Erbarmen immer wieder über sein Zürnen-müssen siegt (vgl. Hos 11,8ff; Jer 31,20). 

Das ist das Eine. Auf der anderen Seite ist aber der Zorn Gottes, ja auch der Zorn Jesu ein wesentlicher und unaufhebbarer Zug auch im neutestamentlichen Gottesbild. Der Zorn Jesu über die Händler im Tempel lässt Ihn diesen gegenüber sogar handgreiflich werden. Zorn überkommt Ihn angesichts pharisäischer Heuchelei, verhärteter Herzen der Menschen um ihn herum, des Kleinglaubens der Jünger, der Macht des Bösen, der Dämonen und des Todes. Im Buch der Offenbarung wird der ganze Apparat alttestamentlicher Zornsymbolik aufgefahren vom Zornbecher bis zu den Zornschalen, die über der Erde ausgegossen werden in Gestalt von Kriegen, Seuchen und Katastrophen. 

Angesichts dieses Befundes muss man nun in der Tat fragen, wie sich das denn mit der Rede von der Liebe Gottes vereinbaren lässt. Haben wir es hier mit zwei Aussagesträngen über Gott zu tun, die sich gegenseitig ausschließen und daher nur nebeneinander her bestehen, so dass man wählen muss zwischen dem einen oder dem anderen Gottesbild, dem des liebenden und dem des immer wieder auch zornigen Gottes? Oder – gehört beides untrennbar zusammen? 

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, möchte ich folgende Überlegung anstellen: Stellen Sie sich ein Kind vor, das missbraucht wird. Oder irgendeine der Greueltaten, von denen tagtäglich die Nachrichten voll sind. Was würden wir über einen Menschen sagen, der darauf mit ziemlicher Gelassenheit und der Bemerkung reagiert: Das ist jetzt halt passiert, aber dieser Kerl ist auch von Gott geliebt, also Schwamm drüber, vergeben wir`s halt? Ich bin sicher, dass jeder von uns unmittelbar merkt, dass dies nicht das Geringste mit Liebe zu tun hätte. Wir hätten den Eindruck: hier redet jemand mit einer vollkommen abgestumpften Seele, nicht in der Lage, mit einem solchen Kind oder anderen Opfern des Bösen in der Welt mitzufühlen. Wer nicht mit entschiedener Empörung, Trauer und Zorn auf ein solches Verbrechen gegenüber einem wehrlosen Geschöpf reagiert, steht nicht in der Liebe, sondern ist unendlich weit von wahrer Liebe entfernt.

An diesem kleinen Beispiel sehen wir, dass Liebe und Zorn nicht nur einander nicht widersprechen, sondern dass Zorn sogar ein innerer Aspekt jeder wahren und echten Liebe sein muss, dann nämlich, wenn jemand gegen die Liebe handelt, und zumal, wenn es auf eine furchtbare und zerstörerische Weise gegen geschieht.  

Diese Überlegungen über einen gerechten Zorn – die hl. Schrift spricht auch vom heiligen Zorn – lässt sich mit Fug und Recht auf Gott übertragen, wenn wir folgendes beachten: Zorn Gottes darf hier niemals jene spontane Reaktion meinen, mit der Menschen oft im Jähzorn aufbrausen und blindwütig dreinschlagen oder unversöhnlich auf Rache sinnen. Vielmehr ist damit jene Reaktion gemeint, die in der Liebe Gottes zum Opfer einer bösen Tat ihren Ursprung hat. Weil Gott das Kind liebt, muss er zornig auf die verbrecherische Tat an ihm reagieren. Geschähe dies nicht, wäre Gott nicht Liebe, sondern ein emotionsloses Ungeheuer, eine kalte Maschine, so etwas wie eine gleichgültige Schicksalsmacht, die blind den einen begünstigt, den anderen benachteiligt, blind den einen mit Glück überhäuft, den anderen durch Elend in den Staub drückt. 

An dieser Stelle möchte ich sogar noch einen Schritt weiter gehen: sogar die Liebe Gottes zum Täter gebietet seinen Zorn. Denn es gehört zum Wesen der Liebe, dass sie möchte, dass auch das geliebte Geschöpf liebt und daher gut ist. Was wären es z.B. für Eltern, die über ihren Sohn, der auf die schiefe Bahn und unter Verbrecher gerät, sagen würden: Hauptsache, er fühlt sich gut und wohl dabei; denn wir haben ihn doch lieb? Eine solche Haltung wäre nicht Elternliebe, sondern im besten Fall törichte Affenliebe, möglicherweise aber auch schlicht eine Form der Gleichgültigkeit und der Verachtung. Wirklich liebende Eltern leiden darunter, kennen auch so etwas wie einen gerechten Zorn, etwa dann, wenn sie das eigene Kind strafen müssen, damit es lernt, das Böse als Unrecht zu erfahren und das Gute zu tun. 

So jedenfalls wie Eltern, die Kinder einfach gewähren lassen und ihnen keine oder zu wenig Grenzen aufweisen, liebt der, der die Liebe selbst ist, Gott, gerade nicht. Der englische Schriftsteller C.S. Lewis hat es einmal sinngemäß so ausgedrückt: Unter der Liebe Gottes verstehen viele heutzutage so etwas wie Gutherzigkeit, also einen „Gott, der zu allem, was wir gerade gern täten, sagen würde: ‚Was macht es schon, solange sie nur zufrieden sind!’ In der Tat, wir möchten nicht so sehr einen Vater im Himmel als vielmehr einen Großvater im Himmel – einen greisen Wohlmeiner, der es, wie man sagt, ‚gerne sieht, wenn die jungen Leute sich amüsieren’, und dessen Plan für das Universum einfach darauf hinausläuft, dass am Abend eines jeden Tages gesagt werden kann: ‚Es war für alle wundervoll.’“ (Über den Schmerz, 38) 

Dass dies eine Karikatur Gottes ist, liegt auf der Hand. Und so fährt er fort: „Gutherzigkeit, rein als solche, kümmert sich nicht darum, ob ihr Objekt gut oder schlecht wird, sofern es nur nicht leiden muss. (…) Wenn Gott (aber) die Liebe ist, ist Er (…) etwas Größeres als bloße ‚Güte’. Und alle biblischen Berichte zeigen es deutlich: obwohl er uns oft getadelt und schuldig gesprochen hat, Er hat uns niemals mit Verachtung gestraft. Er hat uns die unerträgliche Ehre erwiesen, uns zu lieben – in dem tiefsten, tragischsten, unerbittlichsten Sinn, den dies Wort nur haben kann.“ (ebd. 38f) 

Aus all dem wird deutlich: Wenn die hl. Schrift, sei es des Alten oder des Neuen Testaments, vom Zorn Gottes spricht, verstehen wir diese Redeweise nur richtig, wenn wir ihn als einen Aspekt der Liebe Gottes auffassen. Er ist eine Weise des – menschlich gesprochen – Mitleidens Gottes mit seinem Geschöpf, dem Unrecht widerfährt. Daher ist es ein Erfordernis der Liebe selbst, dass dem Opfer auch durch Gott zu seinem Recht verholfen wird und Wiedergutmachung den Zustand der Gerechtigkeit wiederherstellt.  

Zugleich drückt der Zorn dem Täter gegenüber aus: Weil ich auch dich liebe – und diese Liebe entziehe ich dir nie, was immer du auch tun magst – kann ich nicht einverstanden sein mit dem, was du denkst, redest, tust oder auch unterlässt. Weil ich dich liebe, muss ich deine Umkehr wollen, muss ich wollen, dass es so etwas wie Wider-gut-machung gibt, damit auch du wieder gut wirst. Denn es ist meiner Liebe unerträglich, in dir einen Verbrecher sehen zu müssen.

Dies und nichts anderes bezeichnet die Bibel als Zorn Gottes, ein Zorn also, der nicht die Rache, die Zerstörung des Täters, sondern auch sein Heil will. Nur so werden wir davor bewahrt, die Liebe Gottes banal und oberflächlich zu verstehen. Nur so erfassen wir sie in ihrer das Böse verurteilenden und es heilen wollenden Dimension. Diese Liebe möge Sie segnen, heute und alle Tage Ihres Lebens, die Liebe des Vaters …

Pfr. Bodo Windolf

Seitenanfang
© copyright   2008  WebMaster: Herbert Bauernfeind   webmaster@bauernfeind-web.de