Impuls für Radio Horeb vom 07.07.2009

St. Severin Garching

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Pfarrer Bodo Windolf, St. Severin Garching

Impuls in Radio Horeb  07.07.2009
Impuls zur 15. Woche i. J.

Mose – Gottesoffenbarung und Sendung

Die Bahnlesung aus dem AT, die uns an den Werktagen der vergangenen und kommenden Wochen die wichtigsten Stellen aus den ersten beiden Büchern der Bibel, den Büchern Genesis und Exodus, vor Augen stellt, kommt heute und morgen zu einer der zentralsten Begebenheiten des Alten Bundes: nämlich zur Gotteserscheinung, die Mose am Gottesberg Horeb hat, als Gott ihm im brennenden Dornbusch erscheint und ihm seinen Namen kundgibt.

Mit diesem Ereignis beginnt die Erwählung Israels als Gottesvolk, bezeichnenderweise in einem Augenblick äußerster Bedrängnis, in einem Augenblick des Leidens und der Unfreiheit. „Jetzt ist die laute Klage der Israeliten zu mir gedrungen, und ich habe auch gesehen, wie die Ägypter sie unterdrücken“, so spricht Gott zu Mose. Gott erweist sich hier zunächst einmal als der, der nicht wie bei den Heidenvölkern auf der Seite der Starken und Siegreichen steht, sondern auf der Seite der Schwachen und Unterdrückten. Dies wird eines der herausragenden Kennzeichen Gottes im Glauben Israels und später der Christen sein. Gott ist ein Anwalt derer, die auf Erden oftmals keinen Anwalt haben.

Am Beginn der Erwählung des Volkes steht nun aber ein Einzelner, der zu Gottes Werkzeug wird; genauer, der sich, obwohl er sich zuerst mit Händen und Füßen wehrt – „Wer bin ich, ich der ich nicht reden kann, dass ich zum Pharao gehen und die Isareliten aus Ägypten herausführen könnte? Sende einen anderen, aber bitte nicht mich“ – es ist ein Einzelner, der sich schließlich Gott als Werkzeug für dessen Heilspläne zur Verfügung stellt. Geradezu ein Gesetz göttlicher Heilsgeschichte wird hier deutlich: es sind immer wieder solche Einzelne, durch die Gott das Heil der Vielen wirkt. Aber Erwählung ist nicht einfach ein Privileg. Wir ziehen es, so wie anfangs Mose, vor, zum biederen Durchschnitt zu gehören. Denn Mose spürt deutlich, dass die Erwählung und Sendung, die er empfängt, ihn nicht wie auf einer Hängematte durchs Leben tragen, sondern dass sie ihn immer wieder an die Grenze des Menschenmöglichen führen wird. Sie ist Last und Freude zugleich, jedenfalls alles andere als ein bequemer Weg in die Zukunft. 

Wer ist der, dem diese Sendung zuteil wird? Es ist Mose, ein am Pharaonenhof großgezogenen Hebräer, unterwiesen in der Weisheit der Ägypter, der die Verbindung zu seinem Volk nie verloren hatte; ein Totschläger auf der Flucht, weil er im Affekt einen Ägypter erschlagen hatte; ein Mann, der zu allem Überfluss einen Sprachfehler hatte, sich jedenfalls nicht aufs Reden verstand. Ein weiteres Prinzip biblischer Theologie und Heilsgeschichte zeigt sich hier: immer wieder sind es Menschen mit schweren Brüchen in ihrer Biographie, die Gott sich als Werkzeuge für Seine Pläne aussucht. Gerade solche Menschen haben oftmals eine größere Bereitschaft, sich ganz zur Verfügung zu stellen als jene, in deren Leben alles glatt gelaufen ist. Gerade an den Bruchstellen unseres Lebens, etwa wo wir heimgesucht wurden durch ein schweres Leid, oder versehrt sind durch eine schwere Schuld – gerade dort kann Gottes Gnade Einlass finden und ganz Neues wirken, wenn wir es nur zulassen. So jedenfalls war es bei Mose. 

Und noch etwas wird deutlich: Je näher ein Mensch Gott kommt, um so mehr wird er zugleich gesendet zu den Menschen. Wer ganz tief eintaucht in das unendliche Meer Gottes, taucht wieder auf neben den Leidenden und Geknechteten dieser Erde. Bei Mose fallen Gottesbegegnung und Sendung zu den Menschen in eins zusammen. Der Augenblick tiefster Gotteserfahrung fällt für ihn zusammen mit dem Augenblick seiner Sendung zu den Menschen, zu den Brüdern und Schwestern seines Volkes. 

Natürlich will Mose wissen: Wer bist Du? Wer bist du, der sich mir so geheimnisvoll zeigt? Wer bist du, der mich zu einer Aufgabe sendet, der ich mich gar nicht gewachsen fühle? Offensichtlich genügte ihm die Erstvorstellung Gottes nicht. Denn Gott hatte ihm ja schon gesagt: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Mit anderen Worten: Ich bin ein Gott der Menschen, aber nicht einer anonymen Masse von Menschen, sondern der Gott eines jeden Einzelnen; jedes Einzelnen, den ich bei seinem Namen rufe, den ich kenne, durch und durch, dem ich als Einzelnem begegnen möchte. Ich bin dein Gott, daher auch der Gott des Mose, der Gott Josefs, Peters, Marias, Danielas, und wie sie alle heißen mögen, die Menschen, denen Er Gott sein möchte.

Natürlich werden Abraham, Isaak und Jakob auch als die Stammväter Israels genannt, denen dieser und kein anderer Gott sich schon vor Mose gezeigt hat. Zugleich aber stehen sie für alle anderen Einzelnen, die Gott ruft und mit denen Er eine Geschichte beginnen will. 

Aber – wie gesagt – Mose genügt diese Selbstvorstellung Gottes nicht. Er will wissen: Wer bist du unter den vielen Göttern, die ich kenne, die zu verehren ich bei den Ägyptern gelehrt wurde? Bist du Amun, Re, Ptah, Maat, Zeus, Poseidon …? Die Antwort, die ihm zuteil wird, lautet: Keiner von diesen allen. Ich bin nicht einer von vielen, sondern ich bin der Eine und Einzige; der, der jenseits der vielen Namen steht. Daher: „Ich bin der Ich-bin“, Jahwe. Ich habe einen Namen, ja, denn du kannst mich anrufen; aber zugleich gebe ich dir einen Namen, der gar kein Name ist. In der Gabe des Namens liegt zugleich die Verweigerung eines Namens. Auf diese Weise zeigt Gott: Ich bin unendlich größer als jede Benennung mit einem menschlichen Wort. Der Name, Zeichen der Bekanntschaft, wird zur Chiffre für das bleibende Geheimnis Gottes. Bekanntsein und Unbekanntsein, Offenbarung und Verborgenheit Gottes sind in diesem Namen gleichzeitig geworden. So sehr Gott sich auch dem Menschen zeigt und offenbart – er bleibt immer der unendlich Größere; der, der größer ist als jedes menschliche Begreifen und Verstehen. Wie tief Israel dieses bleibende Geheimnis seines Bundesgottes verstanden hat, zeigt sich darin, dass in späteren Jahrhunderten dieser Name nicht mehr ausgesprochen wurde. In der griechischen Bibel, der Septuaginta, taucht er gar nicht mehr auf, sondern wird durch das Wort „Herr“ ersetzt, im Griechischen „Kyrios“, im Hebräischen „Adonai“, eine Entwicklung, die das Geheimnis der Dornbuschszene genauer wiedergibt als alle Versuche, den Namen Jahwe aus anderweitigen Herleitungen zu deuten. 

Damit ist freilich nur die eine Hälfte des Sinns der Dornbuschszene ausgedrückt. Denn Mose wird ja in der Tat ermächtigt, den, der ihn sendet, unter diesem Namen zu benennen. Gott enthüllt darin nicht nur Sein inneres Wesen, das geheimnisvoll bleibt, sondern auch, wer er für den Menschen sein will: nämlich der „Ich bin da“, der „Ich bin da  für dich“. Ich bin der Anwesende in deinem Leben. Wiederum mit anderen Worten: Auch wenn du mich nicht immer verstehst – ich bin da. Auch wenn du meine Gegenwart nicht immer fühlst – ich bin da. Auch wenn du mich immer wieder vergisst und an den Rand deines Lebens stellst – ich bin da. Auch wenn du dich ganz allein und verlassen wähnst – ich bin da. Auch wenn du noch so sehr schuldig geworden bist – ich bin da; nicht um dich zu verurteilen, sondern um dir Verzeihung zu schenken und dich zu heilen. Und auch, wenn du froh und glücklich bist – ich bin da. Ich bin immer da – in Freud und Leid, in Heil und Unheil, im Leben und im Sterben. Ich lasse dich niemals los, wenn nicht du mich loslässt.  

Dass Sie das erfahren, liebe Hörerinnen und Hörer am Radio, wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen. Dazu segne Sie der Dreifaltige Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Vater … 

Pfr. Bodo Windolf

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