Impuls für Radio Horeb vom 24.06.2009

St. Severin Garching

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Pfarrer Bodo Windolf, St. Severin Garching

Impuls in Radio Horeb  24.06.2009
Johannes der Täufer und die Sonnenwende.

Es ist die zeit der Sommersonnenwende. Vermutlich geht es uns allen oder zumindest den meisten von uns gleich: am liebsten würde man die Zeit anhalten, um weiterhin die langen Tage und die kurzen Nächte, die Wärme der Sonne, lauwarme Abende, kurz: diese lichterfüllte Zeit zu genießen. Aber wir wissen: es ist nicht so. Zunächst unmerklich, in ein paar Wochen deutlich spürbar wird es später hell und früher dunkel. Die Sonne nimmt ab. Wir gehen auf die dunkle Jahreszeit zu.

Das heutige Hochfest der Geburt des Täufers Johannes zum Wendepunkt des Jahres ist nicht zufällig gewählt, wie überhaupt die wichtigsten Feste des Kirchenjahres einen deutlichen Bezug zu den kosmischen Symbolen der Sonne und des Mondes haben. Der, der mit Blick auf Jesus von sich gesagt hat: "Er muss wachsen, ich muss abnehmen", wird gefeiert just zum Beginn der abnehmenden Sonne. Er wird gefeiert zu dem Zeitpunkt, an dem zumindest in der nördlichen Hemisphäre der Erdkugel in uns die Sehnsucht nach dem nicht abnehmenden Licht, nach dem nie verlöschenden Licht immer wieder neu erwacht. Gibt es dieses nie verlöschende Licht überhaupt?

Auf genau der anderen Seite des Jahres erwartet uns das Fest einer anderen Geburt. Die Weihnacht, das Fest der Geburt Christi, findet statt zur Zeit der Wintersonnenwende, da die alten Römer den "sol invictus", d.h. die "unbesiegbare Sonne" feierten. Just zur dunkelsten Jahreszeit feiern wir den, der in das äußerste Dunkel unserer Erde eingetreten ist, um es siegreich zu überwinden durch das unverlöschliche Licht der Auferstehung. Er selbst hat sich als das "Licht der Welt" bezeichnet, als das nie verlöschende Licht, das alle Dunkelheit der Welt überwindet.

Auf diese Weise wird deutlich, wie das kosmische Jahr das Kirchenjahr mit seinen Festen der Erlösung deutet und gleichsam in seinen Dienst genommen wird.

Doch kehren wir zu Johannes den Täufer zurück. "Er muss wachsen, ich aber abnehmen." Diese Haltung ist die, die Johannes wohl am tiefsten kennzeichnet. Wer verliert schon gern politisches Gewicht, wer räumt gerne einen Posten, der mit Macht und Einfluss verbunden ist? Wer überlässt schon gern seine Anhänger einem anderen?

In Johannes begegnen wir einem Menschen, einem Propheten, der dazu in der Lage ist; der bereitwillig den Platz räumt für einen anderen, der ihm seine Jünger überlässt; der weiß: Nur wenn ich von mir weg auf Ihn zeige, auf Jesus Christus, nur wenn ich meine Jünger loslasse und sie zu Ihm sende, nur wenn ich bereit bin abzunehmen, damit Er wachsen kann – kann auch ich wachsen. Ich kann nur wachsen im Kleinerwerden, indem ich von mir absehe, indem ich mein Licht geringer werden lasse, um Raum zu schaffen für das größere, nie vergehende Licht.

Was Johannes hier tut, was zum eigentlichen Charakteristikum seiner Sendung geworden ist, ist nichts anderes als die Aufgabe der Kirche. Die Kirchenväter haben auch die Kirche in einem kosmischen Symbol gedeutet, nämlich dem des Mondes. Der Mond hat sein Licht nicht aus sich selbst. Er leuchtet nur, wenn und insofern er sich anstrahlen lässt durch das Licht der Sonne. Sein Licht ist geborgtes Licht, Licht, das er nur hat, je mehr er sich der Sonne zuwendet; je mehr er sich von ihr abwendet, um so geringer wird seine Leuchtkraft bis hin zur vollkommenen Verdunklung.

Mir scheint dies ein treffendes Bild für die Kirche insgesamt und für jeden Gläubigen in ihr. Je mehr die Kirche oder der einzelne in ihr mit sich selbst beschäftigt ist, um politische Macht, um Einfluss, um äußere Größere kämpft und gekämpft hat, um so mehr hat sich das wahre Licht in ihr verdunkelt. Die Kirche leuchtet da am hellsten, wo sie ihre eigentliche Aufgabe erfüllt: sich Christus zuwenden, indem wir Ihn loben, preisen, ehren im Gottesdienst und im persönlichen Gebet, wo wir Ihn verkündigen, wo wir Sein Licht hinaustragen in die Welt in der Zuwendung zum Mitmenschen. Sie leuchtet am hellsten in den Heiligen, die so gelebt haben.

Johannes ist ein treffendes Symbol für die Aufgabe der Kirche und derer, die zu ihr gehören. Er war bereit abzunehmen bis hin zu seiner Einkerkerung durch König Herodes, weil er sich nicht scheute, auch den Mächtigen dieser Welt die Wahrheit zu sagen.

Im Kerker hat er wohl seine tiefste innere Verdunklung erlebt in Vorausnahme des Schicksals Jesu, der nur das Licht der Welt war, indem Er bereit war, in das Dunkel unserer Welt einzutauchen.

Als Johannes im Gefängnis ist, kommen ihm Zweifel über Jesus. Viele Gläubige erleben immer wieder auch Nächte des Glaubens. Diese Erfahrung ist Johannes nicht erspart geblieben. Er schickt einige seiner Jünger zu Jesus, die Ihn fragen sollen, ob Er der sei, der kommen soll, oder ob wir noch auf einen anderen warten müssen. Für Johannes ist es die Frage, ob er vielleicht auf den vollkommen Falschen gezeigt und so seine Sendung gänzlich verfehlt hat oder nicht.

Die Antwort, die er erhält, ist ein messianisches Zitat aus dem Buch Jesaja: "Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder, und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt." Mit anderen Worten: Denen, die im Dunkel dieser Welt gefangen sind, geht ein neues Licht auf: das Licht einer neuen Hoffnung, das Licht der Heilung an Leib und Seele, das Licht des wahren Sehens, des wahren Hörens, das Licht des ewigen Lebens.

Wir dürfen sicher sein, dass durch diese Worte das Licht Jesu auch zu Johannes in den Kerker gedrungen ist und ihn erfüllt hat, als er durch die Laune eines leichtsinnigen Kindes, einer boshaften Frau und eines unmännlichen Herrschers sein Leben durch Enthauptung verlor.

"Er muss wachsen, ich muss abnehmen" – wo die Kirche, die Verkünder in ihr und die einzelnen Christen so leben, sind sie auf der Spur des Täufers Johannes. So und nicht anderes ist die Kirche wahre Kirche Jesu Christi; so und nicht anders erfüllen die Verkünder in ihr ihre Sendung; so und nicht anders werden wir alle zu wahren Jüngern Jesu. Ihm müssen wir Platz machen in uns, damit Sein Licht in uns aufgehen kann.

Wer dieses Licht in sich trägt, das Licht des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe, muss nicht allzu traurig sein über die abnehmende Sonne in den kommenden Wochen und Monaten. Als Christen, die tatsächlich aus dem Glauben leben, tragen wir das nie verlöschende Licht in uns. "Er muss wachsen, ich muss abnehmen" – das ist das wahre Geheimnis eines wahrhaft lichterfüllten Lebens.

Pfr. Bodo Windolf

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