Impuls für Radio Horeb vom 07.10.2009

St. Severin Garching

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Pfarrer Bodo Windolf, St. Severin Garching

Impuls in Radio Horeb   zur 27. Woche i. J. am 07.10.2009

Vater unser

Das Neue Testament überliefert uns das Herrengebet in zwei Versionen: in der matthäischen und in lukanischen Fassung. Im heutigen Tagesevangelium hören wir die lukanische.

"Vater" – so beginnt es einfach und schlicht. Nach Matthäus fügt Jesus hinzu: "Vater unser, der du bist im Himmel". Dazu einige Gedanken.

Die Anrede Gottes oder der Götter als "Vater" ist auch in anderen Religionen bekannt. Allerdings ist die Gottheit hier Vater, weil sie in der Regel durch geschlechtliche Zeugung als Ahnherr am Beginn eines Volkes oder Königsgeschlechtes steht. Oft ist dies eine Himmelsgottheit, die wie der vom Himmel kommende Regen die Mutter Erde befruchtet. Das war wohl der Grund, warum man im Judentum zunächst sehr zurückhaltend war mit der Bezeichnung und Anrede Jahwes als "Vater". Nur vierzehnmal geschieht dies im Alten Testament, allerdings dann auch an zentralen Stellen, an denen etwa das Volk Israel oder der König als "Sohn" bezeichnet werden; freilich nicht Sohn durch geschlechtliche Zeugung, sondern durch Sohn durch Erwählung.

Kommen wir von da auf Jesus zurück. An vielen Stellen des Evangeliums bezeichnet Er sich einfach nur als "der Sohn". Er ist der Sohn schlechthin, auf eine ganz und gar unvergleichliche Weise. Dies drückt sich besonders aus in der Art, wie Er Gott anspricht und wofür es in der ganzen damaligen jüdischen Gebetsliteratur weit und breit keine Parallele gibt. Denn durch das Wort "Vater", griechisch pater, klingt eindeutig das Wort "Abba" aus Seiner aramäischen Muttersprache hindurch. Kein Jude hätte je gewagt, Jahwe so vertraut, so familiär, so intim anzureden. Denn dies ist die alltägliche Anrede sowohl des Kleinkindes als auch der erwachsenen Kinder an ihren Vater. Freilich, das ist zu ergänzen, "Abba" war die durchaus respektvolle Anrede auch gegenüber alten Männern, Greisen, vor allem Lehrern, vergleichbar vielleicht mit dem, was wir aus der russischen Literatur mit der Anrede "Väterchen" kennen.

Zu beachten ist nun, dass, wenn Jesus von Gott als Seinem "Abba", Vater spricht, Er dies nie inklusiv, das heißt: sich mit uns zusammenschließend tut, sondern Er unterscheidet stets zwischen "meinem und euerem Vater".

Wie Jesus zum Vater steht, ist daher exklusiv, unvergleichlich. Er allein ist der ewige Sohn des Vaters, mit Ihm eins, Spiegelbild Seines Wesens. Aber hierbei bleibt Jesus nicht stehen nach dem Motto: Ich hier, und ihr da draußen, außerhalb dieses Gottesverhältnisses. Nein, Er gewährt Eintritt, lässt uns mit dem "Vater unser" ein in den Gebetsraum Seiner innigen Vaterbeziehung.

Wir können uns lebhaft vorstellen, wie die Jünger Jesu Beten erlebt haben: diese Sammlung, diese Innigkeit, diese Herzlichkeit, diese Vertrautheit, diese restlose Hingabe; und wir können uns wohl genau so lebhaft vorstellen, wie in jedem von ihnen der Wunsch aufstieg: So möchte auch ich beten können. Herr, lehre uns beten, so wie Du betest. Und der Wunsch wird gewährt. "So sollt ihr beten: Abba, Vater, lieber Vater, milder Vater, Vater." Betet es mit mir. Betet es wie ich. Denn ich will ja gar nichts anderes als euch mitaufnehmen und dass ihr euch mit aufnehmen lasst in meine Beziehung zum Vater im Himmel.

Wer einmal verstanden hat, was für ein Geschenk, was für ein unerwartbarer Gnadenerweis das ist, der wird wohl mit den Jüngern zusammen aus dem Staunen nicht herauskommen und es mitempfinden, wenn gesagt wird: Weil Du es sagst, wagen wir mit Dir zu beten: "Abba, Vater." Die Einleitungsformel zum "Vater unser" in der Eucharistie hat dieses Staunen noch bewahrt: "Dem Wort unseres Herrn und Erlösers gehorsam und getreu seiner göttlichen Weisung wagen wir zu beten", oder: "Wir heißen Kinder Gottes und sind es. Darum wagen wir zu beten".

Doch der erstaunlichen Dinge sind noch mehr. Und das Erstaunliche liegt in der Schlichtheit, Einfachheit und Tiefe dieses Gebetes. Mit Fug und Recht darf ich von diesem Abba-Vater wissen, dass Er mich kennt, mich meint, dass Er daher "mein Abba", "mein Vater" ist. Und doch wird uns nicht gestattet, so auch zu beten. Nein, in der matthäischen Fassung ergänzt Jesus das Wort ήmwn, Vater unser.

Nicht nur ich darf mich Jesus zugesellt wissen, mitgenommen in Sein Beten zum Vater. Nein, ich gewahre um mich herum Tausende, Millionen Brüder und Schwestern, die ebenfalls eingelassen sind in diesen vertraulichen Gebetsraum Jesu. Nie soll ich einfach nur allein, sondern immer mit ihnen zusammen zum Vater aufblicken und zu Ihm beten. Ich bin Sohn und Tochter dieses Vaters und Bruder und Schwester Jesu nur mit all den anderen zusammen. Im selben Augenblick, da ich mich vertikal zum Vater im Himmel aufschwinge, verweist Er mich auch schon in die Horizontale der Beziehung zu meinen Mitmenschen. Nur diese zwei Worte "Vater unser", "unser Vater" drücken die untrennbare Einheit von Gottes- und Nächstenliebe aus; drückt aus, dass unser Beten immer wahrhaft katholisch, das heißt allumfassend, die ganze Welt vor Gott tragend sein soll.

Wer im Gebet ständig um sich selbst und die eigenen Wünsche und Probleme kreist, muss in die Schule des "Vater unser" gehen und sein Gebet ausweiten, es ausweiten zur Weite Gottes, unseres Vaters. Und das heißt weiter: Nicht im "Ich" allein, sondern nur im "Wir" bin ich in der Kindschaft zum Vater enthalten. Was hier einschlussweise schon über Vergebung und Versöhnung angedeutet ist, wird das Gebet später noch ausdrücklich ausführen.

An dieser Stelle könnte nun eine sehr ernste Frage, eine Anfrage, ja, ein Einwand in uns hochkommen. Ich habe bislang vor allem die Nähe, die Intimität, ja Zärtlichkeit betont, die in dem Wort "Abba, Vater" zum Ausdruck kommt. Und es sei ausdrücklich hinzugefügt und betont, dass hier Väterlichkeit nicht im Sinne eines männlichen Prädikats gemeint ist, sondern dass es das, was Muttersein, Mütterlichkeit ausmacht, selbstverständlich mit einschließt. Es ist uns aus Gründen, die auszubreiten jetzt nicht die Zeit ist, verwehrt, "Mutter unser" oder "Vater und Mutter unser" zu beten, wie uns eine törichte Spielart feministischer Theologie einreden möchte. Aber das Korn Wahrheit darin ist freilich, dass Gott in sich die Fülle dessen ist, was für uns Vater und Mutter in der Polarität der Geschlechter sind.

Noch einmal also die Anfrage: Entspricht es eigentlich unserer Glaubenserfahrung, unserer Gebetserfahrung, dass Gott uns stets so väterlich nah ist? Diese Frage müssen wir mit einem klaren "Nein" beantworten. Es gibt zwar diese Erfahrungen, und ich vermute, dass sie jeder und jedenfalls viele von uns schon gemacht haben. Aber es gibt eben auch die andere Erfahrung: die der Ferne, der Fremdheit Gottes, die des Nichtverstehens, manchmal erscheint Er geradezu gleichgültig, abwesend, und es steigt der Zweifel hoch: Gibt es Ihn eigentlich, diesen Abba, Vater. "Vater unser, der Du bist im Himmel." Ja, hoch im Himmel, ganz weit weg "im Himmel", manchmal fühlen wir, dass Du hier bei uns auf der Erde bist, ganz nah, näher als ich mir selber, Freude, Seligkeit schenkend, tröstend, tragend, stärkend. Aber manchmal, wenn das, was hier auf der Erde ist, alles andere als der Himmel, viel eher die Hölle ist; dann bist Du im Himmel so fern, so weit weg. Wo bist Du dann? In Deinem Himmel anstatt hier auf der Erde?

Jesus selbst kennt diese Erfahrung wie kein anderer, vor allem damals, beginnend im Garten Getsemani. Er erfährt das Nicht-verstehen, die scheinbare Härte, die restlose Abwesenheit des Vaters. Und dennoch betet er wie zum Abwesend-anwesenden: "Abba, Vater....du, den ich so oft schon als väterlich nah erlebt und gefühlt habe, Du, den ich jetzt trotz allem als Abba, Vater anrufe, auch wenn Du mir so fremd bist wie Du mir nie fremd warst; lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Aber auch wenn sich alles in mir aufbäumt, selbst jetzt will ich einwilligen in Deinen dunklen, mir nicht mehr verstehbaren Willen. Nicht wie ich will, sondern wie Du willst."

"Vater unser im Himmel" enthält das Geheimnis Gottes, das Geheimnis dieses Vaters. Er ist immer größer als unser Verstehen. Sonst wäre Er ja auch nicht Gott. Aber auch in dieser Erfahrung sind wir nicht einfach gottverlassen. Auch darin stehen wir an der Seite Gottes – Gottes, des Sohnes – der ganz Mensch war wie wir, bis in die dunkelsten Erfahrungen hinein; der daher nicht nur uns als Seine Brüder und Schwestern annimmt, sondern der jedem von uns ein Bruder, ein ganz und gar menschlicher, mitleidender, auch an der scheinbaren Abwesenheit Gottes leidender Bruder geworden ist.

Vater unser im Himmel – ja wir erfahren Ihn sowohl als den Nahen wie auch als den Fernen, als den Milden und Strengen, als den Zärtlichen und Machtvollen, als den unendlich Liebenden und den scheinbar sich im Zorn abwendenden, als den Barmherzigen und Gerechten, als den Verzeihenden und Richtenden – alles davon ist richtig, nichts davon darf fehlen, wenn wir Gott Gott sein lassen wollen. Aber die Betonung liegt auf dem Vater, auf dem Abba, Seiner Nähe, Seiner Liebe, Seiner Geduld, Seiner Barmherzigkeit.

Und mit Jesus dürfen wir uns Ihm so nähern, mit einem grenzenlosen Vertrauen, als Sein Sohn, als Seine Tochter, als Kind unseres Vaters im Himmel.

 

Pfr. Bodo Windolf

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