Impuls für Radio Horeb vom 28.10.2009

St. Severin Garching

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Pfarrer Bodo Windolf, St. Severin Garching

Impuls in Radio Horeb  am 28.10.2009

10 Jahre "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre"

In drei Tagen, am 31. Okt., dem Reformationstag, wird sich zum 10. Mal die Unterzeichnung der sog. "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" jähren, die damals Vertreter Roms und des Lutherischen Weltbundes in Augsburg vornahmen. Diese "Gemeinsame Erklärung" war damals als ein Meilenstein bezeichnet worden für die Annäherung der Konfessionen. Eine der wichtigsten Lehrdifferenzen zwischen Katholiken und Lutheranern galt damit als ausgeräumt. Nicht wenige bes. auf evangelischer Seite sprachen davon, dass einer Eucharistiegemeinschaft nun auch nichts mehr entgegenstehen könne.

Was nun aber als ein Meilenstein ökumenischer Annäherung gefeiert wurde, entpuppt sich paradoxerweise im Nachhinein als der Beginn einer Entwicklung, die weniger das Gemeinsame, sondern mehr und mehr das eigene Profil betont. So spricht der scheidende Vorsitzende der EKD Bischof Wolfgang Huber schon seit geraumer Zeit immer wieder von einer "Ökumene der Profile". Den Anfang dieser Entwicklung markiert aber wohl die Enzyklika "Dominus Jesus", deren Intention freilich eine ganz andere war, als was im Gedächtnis der Christen in Deutschland hängen geblieben ist.

Ihr eigentliches Anliegen war, deutlich zu machen, dass die verschiedenen Religionen der Menschheit nicht einfach nur verschiedene Heilswege sind, die letztlich alle dasselbe wollen und auf dasselbe hinauslaufen, nämlich den Menschen zu Gott zu führen, sondern dass Jesus Christus jener von Gott selbst geschenkte Heilsweg ist, an dem vorbei kein Mensch das ewige Leben zu erlangen vermag. Die Enzyklika betont dies im Bewusstsein, dass Gott das Heil aller Menschen will, auch das der Nichtchristen, und Er Seine Wege hat, auch diese Menschen mit Seinem Gnadenangebot zu erreichen. Aber dies kann nicht bedeuten, dass Jesus Christus nur einer von vielen Heilsbringern sei. Nein, Er ist der Eine Herr"Dominus Jesus", wie es die Enzyklika, ein Wort des hl. Paulus aufgreifend, mit ihren Anfangsworten ausdrückt – der für alle gestorben ist, um alle zu retten, sofern sie sich, auf welche Weise auch immer, Ihm öffnen.

In diesem Punkt wurde die Enzyklika auch von evangelischer Seite begrüßt, nicht aber in dem, was Inhalt des letzten Teils war. Darin war von der Kirche die Rede und es wurde festgestellt, dass die evangelische Konfession aufgrund ihres eigenen Selbstverständnisses nicht Kirche im eigentlichen Sinn ist, sondern nur als "Kirchliche Gemeinschaft" bezeichnet werden kann. Damit wurde eigentlich nur wiederholt, was schon das II. Vaticanum formuliert hatte. Aber es kam dadurch – aus evangelischer Perspektive betrachtet durchaus verständlich – zu einer atmosphärischen Störung, die, wenn man es negativ ausdrückt, zu gegenseitiger Entfremdung und einem schärferen Ton im ökumenischen Dialog beitrug, wenn man es positiv ausdrückt, aber wohl auch zu Klärungen und mehr Ehrlichkeit führte.

Auf evangelischer Seite bestand die Selbstprofilierung – und dies schon im Zuge des Unterzeichnungsprozesses selbst – nicht zuletzt darin, dass von den 124 Gliedkirchen des Lutherischen Weltbundes nur 49 der "Gemeinsamen Erklärung" voll zugestimmt hatten, unter ihnen als einzige deutsche die Bayerische Landeskirche. 7 Gliedkirchen hatten glatt mit Nein gestimmt (darunter 3 deutsche), und 19 stellten fest, dass es in einzelnen Punkten zu einem Konsens bei allerdings bleibenden Lehrgegensätzen gekommen sei (so votierte die Mehrzahl der deutschen lutherischen Landeskirchen). Die übrigen Mitgliedskirchen hatten gar nicht geantwortet. Daneben verfassten 243 evangelische Hochschullehrer und Professoren im deutschsprachigen Raum (also weit mehr als die Hälfte) einen Brief, in dem sie die "Gemeinsame Erklärung" ausdrücklich ablehnten.

An dieser Stelle will ich nun fragen: Worum geht es denn eigentlich bei der Rechtfertigungslehre? Es ist damals gesagt worden, dass es eine wichtige Aufgabe der Verkündigung sei, diese für die allermeisten Menschen vollkommen fremde Lehre in heutige Sprache zu übersetzen und so einem besseren Verstehen zu öffnen. Man kann kaum sagen, dass dies wirklich erfolgt geschweige denn gelungen sei. Im Zuge der damaligen Unterzeichnung ist so mancher Blödsinn veröffentlicht worden, so z.B. als eine Zeitung titelte, von nun an hätten alle Kirchen einen gnädigen Gott. Als ob man per Kirchenbeschluss und Konsenspapier die Gesinnung Gottes dekretieren könnte. Andere Erklärungsversuche, besonders auf protestantischer Seite, wurden dahingehend gemacht, dass gesagt wurde: Die Rechtfertigungslehre wolle die Würde jedes Menschen betonen, die er unabhängig von jeder ethischen Leistung besitze.

So richtig diese Feststellung als solche ist, aber als Definition der Rechtfertigungslehre ist sie ebenfalls Unsinn. Die Betonung der Personwürde eines jeden Menschen ist eine Schöpfungsaussage, die in der Erschaffung des Menschen als Ebenbild Gottes ihren Grund hat, nicht aber im Rechtfertigungsgeschehen des mit dieser Würde schon begabten, aber sündig gewordenen Menschen. Sie hat daher mit der Rechtfertigungslehre nicht das Geringste zu tun.

Diese hat ihren Ursprung sie in der Biographie Martin Luthers. Luther lebte, wohl einem Zug seiner Zeit entsprechend, unter der gewaltigen Angst vor dem Zorne Gottes. Alle Heilmittel der Kirche – häufige Beichte, Gebet, Fasten, Buße, Bemühung um besseres Leben – erfuhr er als unzureichend. Alle diesbezügliche Anstrengung erfuhr er als zu wenig, um dem Zorn und dem Gericht Gottes entkommen zu können. Obwohl es ihm nicht an Menschen fehlte, die ihm seine Gewissensnot nehmen wollten mit Hinweis auf die Gnade Gottes, so etwa sein Ordensoberer Staupitz, erlebte er sich unentrinnbar dem Zorn Gottes ausgeliefert.

Der erlösende Blitz war für ihn die Einsicht, die ihm beim Lesen des Römerbriefs kam: Gott will das alles gar nicht. Du kannst und du brauchst dich nicht selbst und durch eigene Anstrengung zu einem Gerechten machen. Gottes Gerechtigkeit ist nicht die, die Er von dir verlangt, sondern die, die Er dir ohne jegliches Zutun von deiner Seite schenkt. Gott allein handelt an dir. Allein der Glaube an die Gerechtmachung, an die Rechtfertigung durch Gott allein, bewirkt Heil und inneren Frieden.

Dieses "Allein" war es nun, das zu einem der Kernpunkte der nachfolgenden konfessionellen Auseinandersetzungen wurde. Dass kein Mensch sich das Heil selbst zu verdienen vermag, dass alle Bemühungen des Menschen getragen ist von der sie ermöglichenden Gnade Gottes, dass insofern alles, wirklich restlos alles Gnade und ungeschuldetes Geschenk Gottes ist, war immer schon, auch zur Zeit Martin Luthers, gut katholische Lehre, wiewohl man zugeben muss, dass das Bewusstsein dafür bisweilen durch ein Übermaß an äußeren Übungen und Forderungen verdeckt werden konnte. Kontrovers war also nicht, dass alles Gnade ist, sondern nur, dass es Gott allein ist, der des Menschen Heil wirkt.

Und hier geht es in der Tat um die Würde des Menschen. Die Frage ist nämlich: Bezieht Gott den Menschen mit ein in den Prozess seiner Rechtfertigung, ist der Mensch darin mitbeteiligt, nämlich mitwirkend mit der Gnade Gottes, oder ist er nur passives Objekt des Wirkens Gottes, gleichsam wie ein Stein, den Gott zu sich erhebt ohne alle Eigenbeteiligung. Wenn es so wäre, würde dies tatsächlich der Würde des Menschen widersprechen, die darin besteht, frei zu sein, zustimmen oder ablehnen zu können, nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt in Gottes Gnadenhandeln zu sein, also ein Mitwirkender mit der Gnade Gottes; oder, wie es der hl. Paulus unübertroffen exakt formuliert hat. "Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir." (1 Kor 15,10)

Auf diesem "die Gnade Gottes, aber nicht allein ohne mich, sondern mit mir" muss eine katholische Rechtfertigungslehre bestehen, wie gesagt, nicht zuletzt um der Würde des Menschen willen. Martin Luther hat wohl zu sehr gemeint, Gottes Gandenhandeln sei um so größer, je kleiner des Menschen Beteiligung sei, und am größten dann, wenn der Mensch gar nichts beitrage. Das Gegenteil ist der Fall: Die Gnade Gottes erweist sich gerade darin als groß, dass sie dem Menschen aufhilft, ihn einbezieht, ihn ganz und gar mitbeteiligt am Prozess des Heil- und Ganzwerdens, denn nichts anderes meint Rechtfertigung.

Inwieweit in dieser Frage tatsächlich ein Konsens zwischen Katholiken und Lutheranern erreicht ist, erscheint mir aufgrund der beschriebenen Vorgänge im Zuge der "Gemeinsamen Erklärung" noch nicht wirklich geklärt. Aber vielleicht kann man es in einem gut ökumenischen Ton so formulieren: Katholiken müssen sich, wo nötig, von evangelischen Christen immer wieder daran erinnern lassen, dass alles, wirklich alles Gnade ist; evangelische Christen daran, dass der Mensch nicht nur passives Objekt göttlicher Gnade ist, sondern von Gott einbezogen wird und mitwirkendes Subjekt seines Heils ist.

Gerade in unserer Zeit ist das gemeinsame Zeugnis aller Christen wichtiger denn je. Beten wir um weitere Annäherung und um die Kraft eines gemeinsamen christlichen Zeugnisses, nicht zuletzt in Hinblick auf den Ökumenischen Kirchentag nächstes Jahr in München.

Pfr. Bodo Windolf

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