Impuls für Radio Horeb vom 29.09.2010

St. Severin Garching

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Pfarrer Bodo Windolf, St. Severin Garching

Impuls in Radio Horeb am 29. September 2010

Engel

Die Kirche begeht heute das Fest jener drei Engel, die uns in der hl. Schrift als einzige mit Namen überliefert sind, nämlich das Fest der Erzengel Michael, Rafael und Gabriel. Grund genug, sich einmal Gedanken über die hll. Engel zu machen.

Engel – früher noch war der Himmel voll von ihnen. Inzwischen ist er leergefegt – von den Theologen; natürlich nicht allen, aber doch von vielen. Mit dem Teufel hat man die Engel auch gleich mitabgeschafft. Engel – so hören wir manchen Exegeten dozieren – sind „mythische Einsprengsel“ (Otto Betz) in der Bibel, gehören zum altorientalischen und antiken und damit für uns nicht mehr gültigen Weltbild. Sie sind Importe aus anderen Kulten und Kulturen, jedenfalls mit dem modernen Weltbild des 21. Jahrhunderts nicht vereinbar. Sie sind höchstens symbolisch zu verstehen, ja eigentlich kann man sie überhaupt aus der hl. Schrift herauskomplementieren, da in ihnen keine der zentralen Glaubensinhalte betroffen sind.

Das Seltsame ist, dass sich unzählige unserer modernen Zeitgenossen nicht im Geringsten um solch rationalistische Theologie scheren. Man hat die Engel wiederentdeckt, man kann geradezu von einer Renaissance des Engelglaubens sprechen. Christen, Nicht-Christen, Esoteriker, Spiritisten glauben wieder vermehrt an diese guten Geister. Bisweilen treibt dies seltsame Blüten: Ich selbst habe den ein oder anderen getroffen, der zwar nicht an Gott glaubt, aber dafür um so fester an Engel. 

Wer sind nach unserem christlichen Glauben diese „Boten Gottes“, denn das griechische Wort angelos, von dem sich das deutsche Engel ableitet, bedeutet einfach Bote? Der Katechismus der Katholischen Kirche führt zu ihnen aus (Nr. 328-336): „Dass es geistige, körperlose Wesen gibt, die von der Heiligen Schrift für gewöhnlich ,Engel’ genannt wer­den, ist eine Glaubenswahrheit. Das bezeugt die Schrift ebenso klar wie die Einmütigkeit der Überlie­ferung. Wer sind sie? Der hl. Augustinus sagt: ‚>Engel<’  bezeichnet das Amt, nicht die Natur. Fragst du nach seiner Natur, so ist er ein Geist; fragst du nach dem Amt, so ist er ein Engel; seinem Wesen nach ist er ein Geist, seinem Handeln nach ein Engel’ (Psal. 103,1, 15). Ihrem ganzen Sein nach sind die Engel Diener und Boten Gottes. Weil sie ,beständig das Antlitz meines Vaters sehen, der im Himmel ist’ (Mt 18,10), sind sie ,Vollstrecker seiner Befehle, seinen Worten gehorsam’ (Ps 103,20). 

Wie kommen die Engel in die hl. Schrift? Eine Theorie lautet, dass sie im Alten Testament so etwas wie die depotenzierten Götter der Heidenvölker sind. Es gibt einen Strang im Alten Testament, der die Götzen einfachhin als "Nichts" bezeichnet, also ihre Existenz schlichtweg leugnet. Nach einem anderen Strang aber leben diese Götter, die mit den Gestirnen, mit der Bewegung der Gestirne und mit den in der Natur wirkenden Kräften in Verbindung gebracht oder sogar identifiziert werden, in Gestalt der Engel fort. Sie sind gleichsam zum „Hofstaat“ Gottes geworden. Und so haben die Götter der Israel umgebenden Völker innerhalb des jüdischen strikten Ein-Gott-Glaubens gleichsam einen neuen Platz Gottes bekommen. 

Was sind die Aufgaben, die die Engel nach dem Zeugnis der Schrift im Heilsplan Gottes haben? 

Ihre erste und ureigenste Aufgabe ist die Verherrlichung Gottes. An vielen Stellen der hl. Schrift heißt es: „Lobt den Herrn, ihr seine Engel!“ (Ps 103,20) "Lobt ihn, all seine Engel, lobt ihn, all seine Scharen!" (Ps 148,2) "Preist den Herr, ihr Engel des Herrn, lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!" (Dan 3,59). Im Buch der Offenbarung lesen wir: "Ich sah, und ich hörte die Stimme von vielen Engeln rings um den Thron ... Und die Zahl der Engel war zehntausendmal zehntausend und tausend mal tausend. Sie riefen mit lauter Stimme: 'Würdig ist das Lamm, das geschlachtet wurde, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Herrlichkeit und Lob. ... Ihm der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit. In jeder Eucharistiefeier schließlich stimmt die Kirche in diese himmlische Liturgie der Engel und Heiligen ein, indem sie das Dreimal-Heilig der Engel aufgreift, das Jesaja bei seiner Berufungsvision vor dem Thron Jahwes vernahm"Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt." (Jes 6,3; Offb 4,8). In Anlehnung an diese gewaltige Himmelsszene ist unser Lied "Großer Gott, wir loben dich" entstanden, in dem es in der zweiten Strophe heißt es: "Alles, was dich preisen kann,/ Kerubim und Seraphinen / stimmen dir ein Loblied an; / alle Engel, die dir dienen, / rufen dir stets ohne Ruh: / 'Heilig, heilig, heilig" zu."

Dies zeigt, dass die Engel zunächst einmal für das höchste und beglückendste Sinnziel der ganzen Schöpfung stehen: für die Anbetung und die Verherrlichung des Dreifaltigen Gottes. Was auf Erden von so vielen Menschen, auch Christen, versäumt wird, die Wohltat der Anbetung Gottes, ist Kern und Mittelpunkt der himmlischen Liturgie. Anbeten ist das innerste und erste Geheimnis der Engel. "Anbeten sollen ihn alle Engel Gottes", schreibt der Verfasser des Hebräerbriefes.

Manch einer mag fragen: Wozu soll das gut sein, das Lob und die Anbetung Gottes? Was hat Gott davon? Was haben wir davon? Die einfache Antwort ist: Freude. Wenn wir jemanden oder etwas loben, dann freuen wir uns an etwas, an einer Person; wir freuen uns über etwas Gelungenes, etwas Beglückendes, etwas Schönes, etwas, das wir bewundern. Wer Gott lobt, einfach aus Freude an Gott, an seiner Schönheit, seiner Güte, seiner Barmherzigkeit, seiner grenzenlose Gnade, wird etwas von dieser Freude erfahren, jedenfalls viel mehr als der, dessen Gebet nur das Bitten kennt.  

Darüber hinaus sind die Engel aber auch auf die Menschen bezogen, personale Gestalten des Schutzes und der Fürsorge Gottes für die Gläubigen. „Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen“, beten wir in Ps 91,11. Im Hebräerbrief heißt es über sie, dass sie „dienende Geister sind, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen“ 1,14).

Aus den unzähligen Stellen der Bibel, in denen Engel vorkommen, möchte ich eine der frühesten Erwähnungen herausgreifen: Jakobs Traum bei seiner Flucht vor Esau. Er sieht eine Leiter, die von der Erde bis zum Himmel reicht und auf der Engel auf- und niedersteigen. Am oberen Ende der Leiter sieht er Gott, der ihm verheißt, ihn auf allen seinen Wegen zu begleiten. Die auf und niedersteigenden Engel stehen hier für die Nähe und den Austausch zwischen Himmel und Erde. Im Buch Exodus lesen wir von dem Engel, der dem Volk Israel auf dem Weg in die Freiheit des gelobten Landes vorausgeht. Von diesem Engel heißt es: Er soll dich auf dem Weg schützen und an den Ort bringen, den ich bestimmt habe. Achte auf ihn und höre auf seine Stimme! Widersetz dich ihm nicht! Er würde es nicht ertragen, wenn ihr euch ihm auflehnt; denn in ihm ist mein Name gegenwärtig." (Ex 23, 20-21) Israel, das wandernde Gottesvolk, ist ein Bild für unsere eigene Lebenswanderung dem letzten Ziel entgegen, dem gelobten Land der Ewigkeit bei Gott. Dieser Weg, der durch so manche Wüste geht, durch viele Anfechtungen, Versuchungen, Versagen, ist begleitetvon jenem Engel, den Gott mir so persönlich an die Seite stellt wie damals dem ganzen Volk Gottes. Damit sind wir bei den Schutzengeln, deren Fest wir am 2. Okt. begehen und der seinen wichtigsten biblischen Anhaltspunkt in dem Wort Jesu aus dem Matthäus-Evangelium hat: "Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters." (Mt 18,10) Das gleichzeitige Schauen auf Gott und das Menschenkind, das dem Schutzengel anvertraut ist, gehört zu seinem Wesen. Die Schutzengel möchte ich als die auf der Jakobsleiter niedersteigenden Engel deuten. Über sie schreibt Thomas von Aquin: "Die heiligen Engel beginnen ihr Wächteramt vor der Taufe. Sie verlassen die ihnen anvertrauten nie ganz, so gottlos sie auch leben mögen." (zit. nach E. Läufer, 72) 

Die aufsteigende Bewegung der Engel finden wir wieder in der Aussage, dass sie die Gebete der Heiligen - damit sind die Getauften gemeint - empor zu Gott tragen. Ähnlich betet der Priester im 1. Hochgebet der Messfeier: „Dein heiliger Engel trage diese Opfergabe auf deinen himmlischen Altar vor deine göttliche Herrlichkeit.“ Es ist ein schöner Gedanke, dass unsere Gebete noch einmal Verbündete finden in den Engeln, die ihnen eine noch größere Kraft zu geben vermögen, indem sie sie mit uns zusammen vor Gott tragen. 

Bestätigt wird dies durch einen der drei Engel, die wir heute namentlich feiern, durch Rafael. Von ihm hören wir im Buch Tobit. Rafael ist der unbekannte und zunächst unerkannte Begleiter des Tobias auf seiner gefährlichen Reise. An deren Ende gibt sich sein Beschützer zu erkennen: "Ich bin Rafael, einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen emportragen und mit ihm vor die Majestät des heiligen Gottes treten." (Tob 12,15)

Rafael ist, wie oben schon erwähnt, einer von drei Engeln, die die Kirche als einzige mit Namen verehrt. Das Konzil von Laodizäa traf im Jahr 363 die Festlegung, dass nur Michael, Gabriel und Rafael zum öffentlichen und privaten Kult zugelassen sind. Damit grenzt man sich gegen die vielen weiteren in den apokryphen jüdischen Schriften genannten Engelnamen ab. Bestandteil aller drei Namen ist das Wort El, das übersetzt Gott bedeutet. Da der Name nach jüdischem Verständnis immer auch etwas über das Wesen seines Trägers aussagt, sind sie also ihrem Wesen nach auf Gott bezogen. Michael bedeutet: Wer ist wie Gott? Er ist der Engel, der im 12. Kap. des Buchs der Offenbarung im Himmel den Kampf gegen den Drachen, die Schlange, gegen Satan mit seinem Anhang führt und sie auf die Erde stürzt. An Michael wird also sichtbar, dass sich an Gott die Geister scheiden und nur die Entschiedenheit für Gott zu Rettung und Heil führt. In der alten Liturgie war es Brauch, dass nach jeder hl. Messe Priester und Gläubige ein Gebet zum hl. Erzengel Michael zum Schutz gegen die Angriffe des Teufels betete. Michael ist somit der Engel der Entscheidung. Deshalb wird er besonders auch in der Todesstunde angerufen und vor allem auch mit dem Jüngsten Gericht in Verbindung gebracht. Er wird zum Seelenwäger, der im Tod die Seelen der Verstorbenenauf die Gerichtswaage legt, wie es in vielen Darstellungen des Jüngsten Gerichts zeigt. 

Gabriel heißt übersetzt: "Starker Gott", "Kraft Gottes". Gabriel, der Maria die Empfängnis und Geburt Jesu verkündet, offenbart das Paradox, dass Gott in dem Augenblick, da er Mensch wird und sich selbst restlos ohnmächtig macht in Gestalt eines wehrlosen Kindes in der Krippe, seine höchste Macht und Kraft offenbart. In der Bereitschaft und Fähigkeit, sich klein zu machen und zu dienen, liegt auch für uns Menschen die größte Kraft. 

Der schon erwähnte Name Rafael bedeutet „Gott hat geheilt, Heil Gottes.“ Im Buch Tobit wird diese Aufgabe des Engels, der wie der hl. Christopherus für Menschen auf Reise angerufen wird, auf eine wunderschöne Weise erzählt. 

Schließen möchte ich mit einem Gebet, das aus der Feder des hl. Petrus Canisius stammt:


Besonders empfehle ich mich deinem Beistand, heili­ger Engel, dessen beständigem Schutz die göttliche Güte mich anvertraut hat. Ich bitte dich, führe mich Blinden, belehre mich Unwissenden, stärke mich Schwa­chen, beschütze mich Unwürdigen, führe mich zu­rück, wenn ich irre gehe, sporne mich Trägen an, wec­ke mich, wenn ich schlafe, hilf mir voran, wenn ich gehe. Hilf mir ganz besonders, dass jener letzte und schwere Kampf, der mir mit den bösen Geistern in der Todesstunde bevorsteht, für mich einen glückli­chen Ausgang nehme, damit meine Seele in die Ge­sellschaft der Engel gelange und nach errungenem Sieg freudig singe: „Der Strick ist zerrissen, und wir sind befreit.“

Pfr. Bodo Windolf

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