Impuls für Radio Horeb vom 16. März 2011

St. Severin Garching

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Pfarrer Bodo Windolf, St. Severin Garching

Das Haus der Kirche bauen. Zum Memorandum „Kirche 2011“

(Impuls Radio Horeb am 16.3.2011)

Die Kirche in Deutschland ist mal wieder in Aufruhr. Anfang Februar – die meisten von Ihnen werden es mitbekommen haben – unterschrieben etwa 150 katholische Theologieprofessoren das sog. Memorandum „Kirche 2011“. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Wenig später wurde als Gegenmemorandum die „Petition pro Ecclesia“ veröffentlicht. Beide Seiten werben um Unterschriften. Wieder einmal stehen sich sog. Progressive und Konservative mehr oder weniger unversöhnlich gegenüber. Das Ritual gegenseitiger Verunglimpfung ist immer dasselbe. Den Progressiven wird von manchen neben der Kirchlichkeit der gute Wille überhaupt abgesprochen. Umgekehrt lauten die Vorwürfe: mangelnde Dialogbereitschaft, verknöcherte Strukturen, ängstliche Abschottung, moralischer Rigorismus ohne Barmherzigkeit, und, und, und. Es ist kein besonders schönes und einladendes Bild, das wir als Kirche der Öffentlichkeit einmal mehr geben.

Wie sollte man mit dieser Situation umgehen? Mir scheint, dass schon viel gewonnen wäre, wenn die Schärfe gegenseitiger Vorwürfe und Verunglimpfungen auf beiden Seiten herausgenommen würde. Leider ist gerade das Memorandum der Theologieprofessoren voll davon. Ich habe nur ein paar der Vorwürfe oben zitiert. Es ist keine gute Voraussetzung für einen Dialog, der von ihnen ja gefordert wird, wenn der Dialogpartner in eine vormoderne und verknöcherte Ecke gestellt wird. Das ist wie im Leben. Wenn ich das Gespräch suche und dem anderen erst einmal klar mache, was für ein unmöglicher „Depp“ er ist, dann ist das Gespräch schon vorbei, bevor es begonnen hat. Insofern tue ich mich recht schwer, im Memorandum ein Dokument wirklicher Dialogsuche zu sehen.

Dennoch: die Bereitschaft, zunächst einmal das Gemeinsame zu sehen, erscheint mir von allen Seiten gefordert. Dabei ist mir klar: Es gibt in beiden Lagern diejenigen, die so festgefahren sind in ihren Ansichten, dass Dialog von vorneherein zwecklos scheint. Aber es gibt auch die, ebenfalls auf beiden Seiten, die wirklich und ehrlich auf der Suche sind nach dem richtigen Weg für die Zukunft der Kirche, für die Zukunft des Glaubens in unserem Land. Es gibt auf beiden Seiten die, denen Kirche und Glaube ein echtes Anliegen sind, die miteinander wissen: wir brauchen in der Tat einen Aufbruch der Kirche in Deutschland; es gibt, die, die sich darin einig sind, wenn sie auch über den einzuschlagenden Weg unterschiedliche Vorstellungen haben. Aber diese gemeinsame Basis wäre Voraussetzung für einen wahren Dialog, im Gegensatz zu einem Scheindialog verhärteter Fronten, bei dem man am Ende – monologisch – nur zu sich und seinesgleichen sagen kann: So, denen haben wir`s mal wieder gezeigt; denen haben wir endlich mal wieder unsere Meinung gesagt.

Nachdem wir einander also zumindest gute Motive unterstellen, ist es an der Zeit, zur entscheidenden Frage zu kommen: Wie müssen wir, die wir miteinander Christus nachfolgen wollen, das „Haus der Kirche“ so bauen, dass es den Stürmen unserer Zeit standhält, auch für die Zukunft bewohnbar bleibt und Menschen anzieht? An der Antwort auf diese Frage scheiden sich in der Tat die Geister, und hier muss dann auch wirklich gestritten werden.

Die Antwort Jesu ist sehr klar: „Wer (diese) meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute.“ (Mt 7,24)

Diese Worte Jesu stehen am Ende der Bergpredigt. Mit dem Gleichnis von den beiden Bauherren, von denen der eine auf Fels, der andere auf Sand baute, beschließt Jesus seine erste große programmatische Rede, wie sie uns Matthäus als die neue Ethik des Gottesvolkes überliefert. Was Jesus hier und allen vielen anderen Stellen des Evangeliums verkündet, ist alles andere als eine Soft-Botschaft, keine Gutmenschen-Ethik, keine Ich-hab-dich-lieb-und-du-bist-okay-was-immer-du-tust-Ethik, sondern eine Botschaft und Ethik der Wahrheit und der Liebe, die jeden Menschen bis zum Letzten herausfordert: Liebe zu allen, selbst den ärgsten Feinden; Versöhnungsbereitschaft, auch wenn ich partout nicht will; Bereitschaft, sich selbst zu verleugnen und täglich sein Kreuz auf sich zu nehmen, ja sogar Verleumdung, Verfolgung oder Tod um Jesu willen auf sich zu nehmen; Bereitschaft zum Dienst am letzten Platz und damit zur Demut; Treue in der Ehe bis zum Lebensende; Verzicht auf Ehe und Familie um des Himmelreiches willen; Gebet ohne Unterlass; Liebe zu Gott, der nichts anderes vorzuziehen ist, usf.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass unsere deutschen Theologieprofessoren des Memorandums, wenn sie damals gelebt und Jesu Jünger gewesen wären, sich ebenfalls zusammengetan hätten, um ein Memorandum zu verfassen, nennen wir es das Memorandum „Kirche 30 n. Chr.“. Der Inhalt hätte, wenn wir der Phantasie ein wenig freien Lauf lassen, vielleicht folgender gewesen sein können: Jesus, Meister, Rabbi, vieles von dem, was du sagst und tust, ist wirklich schön und nett. Aber mit den und den Dingen aus deinem Programm kannst du einfach keinen Staat machen. Wenn du das den Menschen im Ernst erzählst und einforderst und zumutest, dann laufen sie dir davon. Hör auf uns, das ist deine letzte Chance. Deine Kirche wird untergehen, noch bevor du sie gegründet hast. Und wenn du dich nicht vorsiehst und auf uns hörst, wenn du keine Vernunft annimmst, pass nur auf, dann landest du noch am Kreuz.

Was will ich damit sagen? Die Botschaft Jesu war zu keiner Zeit, weder damals noch heute, einfach kompatibel mit dem, was „man“ so dachte, „man“ für richtig hielt und tat; sie war immer auch zeitgeistkritisch, den Zeitgeist vielfach in Frage stellend.

Beispiel Zölibat: Gerade weil der Zölibat von allen Seiten so angegriffen wird – vor allem von denen, die ihn gar nicht halten müssen –  halte ich ihn für so notwendig für unsere Zeit. Es ist gut, dass wir verheiratete Frauen und Männer in der Seelsorge als Diakone, Pastoral- und Gemeindereferenten und Katecheten haben. Diese verheirateten Diakone und Laienmitarbeiter in der Seelsorge werden im Memorandum gar nicht genannt. Es ist einseitig fixiert auf die Priester, die endlich heiraten dürfen sollen, damit wir endlich mehr davon haben. Aber Quantität bürgt noch lange nicht für Qualität. Mehr Priester bedeuten noch lange nicht lebendigere Kirche – das ist ein Trugschluss. Oder hat etwa die große Zahl von Priestern, die wir noch vor 20/30 Jahren hatten, die ja sämtliche Pfarreien versorgen konnten, den Niedergang des Glaubens aufhalten können?

Es wird in diesem Zusammenhang immer wieder von einem Recht der Gemeinde auf die Eucharistie geredet. Natürlich kenne ich die Not vieler gemeinden. Dennoch wage ich es, ein solches Recht zu bestreiten und zu fragen: Zeugt die Forderung, dass dann eben verheiratete Priester ran müssen, damit die Versorgung wohnortnah gewährleistet sei – und das in Zeiten unserer heutigen Mobilität – nicht von einer Konsumhaltung, die dem Sakrament gegenüber unangemessen ist. In dieser Hinsicht ist das Memorandum rückwärtsgewandt und strukturkonservativ; denn es will genau jene Strukturen mit einer rein pragmatischen Lösung fortschreiben und bewahren, innerhalb derer der Glaubensniedergang der vergangenen Jahrzehnte ja immerhin stattgefunden hat. Eine wahre Analyse der Glaubenskrise würde Gründe zutage fördern, die das Memorandum nicht einmal andeutet.

Außerdem: die Gründe für den Rückgang der Priesterberufungen können nicht einseitig auf die zölibatäre Lebensform zurückgeführt werden. Es gibt immer weniger Kinder in unserem Land. Die Zahl der praktizierenden Gläubigen ist prozentual weitaus mehr zurückgegangen als die Zahl der Priester. Und nicht zuletzt sei erwähnt, dass Heiraten keine Probleme löst, sondern sie nur verschiebt. Das zeigt der teils überdurchschnittlich hohe Anteil an Scheidungen bei evangelischen Pfarrern.

Ich persönlich bin sicher, dass es für die Zukunft der Kirche in unserem Land überlebensnotwendig ist, dass es auch heute noch Menschen nicht nur in Orden, sondern mitten in der Welt gibt, die sich ganz, mit Leib und Seele, Gott und den Menschen zur Verfügung stellen; die das in Nachahmung der ehelosen Lebensweise Jesu tun und ihren priesterlichen Dienst zusammen mit Verheirateten ausüben, so, dass beide Lebensformen sich gegenseitig ergänzen. Ich bin auch sicher, dass, wenn diese Lebensform nicht ständig in Frage gestellt wird, sondern sie von den Gemeinden, den Gläubigen positiv gesehen und mitgetragen wird; wenn junge Menschen sehen, dass auch diese Lebensform um der Liebe willen, der Liebe zu Gott und den Menschen willen, Erfüllung, Freude, Sinn schenken kann – dass es dann auch die Berufungen gibt, die die Kirche heute braucht.

Es sei noch erwähnt, dass es in unserem Land weithin vergessen erscheint, dass Berufungen auch erbetet werden müssen. Das Gebet, das übrigens keinerlei Erwähnung im Memorandum erfährt, ist das unabdingbare Erdreich, auf dem die Frucht von Berufungen wachsen und auch die Kirche sich erneuen kann.

Zu den weiteren Punkten des Memorandums sei nur ein Zweifaches gesagt: Zum einen stellen sie eine geradezu programmatisch herbeigeführte Frustration dar. Denn jeder der Unterzeichnenden weiß ganz genau, dass etliche der Forderungen Rom gar nicht erfüllen kann, ohne sich selbst aufzugeben und ad absurdum zu führen; und zwar ganz unabhängig von der Frage, ob es überhaupt evangeliumsgemäß ist. Das aber heißt: Durch das Memorandum werden in weiten Kirchenkreisen Hoffnungen geweckt, die enttäuscht werden müssen. Und genau das nenne ich – ich wiederhole es – eine programmatisch herbeigeführte Frustration.

Zum anderen ist zu betonen, dass sämtliche Hauptforderungen des Memorandums ja schon längst erfüllt sind – nämlich in der evangelischen Kirche. Es gibt dort keinen Zölibat, man kann mehrmals kirchlich heiraten, es gibt Frauen im Pfarrdienst, synodale Strukturen sind ausgeprägter als bei uns, schwule und lesbische Lebenspartnerschaften werden kirchlich gesegnet und nach dem neuen Pfarrdienstrecht können in homosexueller Partnerschaft ganz offiziell auch Pfarrer und Pfarrerinnen leben. Die Frage, ob in all diesen Punkten, die das Memorandum nennt, der Schlüssel für eine gute Zukunft von Glaube und Kirche liege und deren Ablehnung die wahren Probleme der Katholiken darstellen, ist geradezu experimentell schon beantwortet. Dass in den letzten 20 Jahren durchschnittlich um ein Drittel mehr evangelisch Getaufte ihre Kirche verlassen haben als katholisch Getaufte, spricht für sich und erübrigt jeden weiteren Kommentar.

Hier wird uns für jeden sichtbar, der sehen möchte, vor Augen geführt, dass die Gründe der Glaubenskrise andere als die im Memorandum vermuteten sind. Das heißt nicht, dass nicht auch vieles verbesserungswürdig ist in der Kirche; aber der einseitige Blick auf ausschließlich strukturelle Veränderungen, wie sie gefordert werden, ist nicht zukunftsträchtig.

Wo aber Priester, Frauen und Männer als Laienmitarbeiter und Gläubige mit Begeisterung und Herzblut auf Jesus Christus schauen, auf seine Worte hören, danach handeln und so das Haus der Kirche bauen – trotz aller Schwächen, die es in der Kirche immer geben wird – da brauchen wir um die Kirche keine Angst zu haben. Es wird immer solche geben, die sie ablehnen; es wird aber immer auch die geben, die sich von ihr angezogen fühlen, gerade weil sie anders ist, gerade weil sie im Widerspruch steht zum Gängigen, und so den wahrhaft Suchenden einen alternativen Lebensentwurf zum heute Üblichen anbietet.

Ich wünsche Ihnen allen den reichen Segen Gottes für die Fastenzeit, den Segen des …

Pfr. Bodo Windolf

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